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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
154
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Bermischle Schriflcn.

In Deutschland wird das Christentum gleichzeitig in der Theoriegestürzt und in den Thatsachen: Ausbildung der Industrie und desWohlstandes.

Die Philosophen zerstörten in ihrem Kampfe gegen die Religiondie heidnische, aber eine neue, die christliche, stieg hervor. Auch dieseist bald abgefertigt, doch es kommt gewiß eine neue, und die Philo-sophen werden wieder neue Arbeit bekommen, jedoch wieder vergeblich:die Welt ist ein großer Viehstall, der nicht so leicht wie der desAugias gereinigt werden kann, weil, während gefegt wird, die Ochsendrin bleiben und immer neuen Mist anhäufen.

In dunkeln Zeiten wurden die Völker am besten durch die Re-ligion geleitet, wie in stockfinstrer Nacht ein Blinder unser besterWegweiser ist; er kennt Wege und Stege besser, als ein Sehender.— Es ist aber khöricht, sobald es Tag ist, noch immer die altenBlinden als Wegweiser zu gebrauchen.

Wie die Männer der Wissenschaft während der mittelalterlichchristlichen Periode aus der Bibel heraus die wissenschaftlichen Wahr-heiten zu entdecken suchten, so suchen jetzt die Männer der Religiondie theologischen Wahrheiten in der Wissenschaft zu entdecken, in derGeschichte, in der Philosophie, in der Physik: die Dreieinigkeit in derindischen Mythologie, die JnkarnationSlehrc in der Logik, die Siind-flut in der Geologie u. s. w.

Bei den früheren Religionen wurde der Geist der Zeit durcheinzelne ausgesprochen und durch Mirakel bestätigt. Bei den jetzigenReligionen wird der Geist der Zeit durch viele ausgesprochen undbestätigt durch die Vernunft. Jetzt gicbt es keine Mirakel mehr,nachdem die Physik ausgebildet worden; Oken sieht dem lieben Gottauf die Finger, und dieser will nicht mit Bosko rivalisieren.

Jede Religion gewährt auf ihre Art Trost im Unglück. Beiden Inden die Hoffnung: „Wir sind in der Gefangenschaft, Jehovahzürnt uns, aber er schickt einen Retter." Bei den MohammedanernFatalismus: „Keiner entgeht seinem Schicksal, es steht oben geschriebenans Steintafeln, tragen wir das Verhängte mit Ergebung, Allah ilAllah!" Bei den Christen spiritnalistischc Verachtung des Angenehmenund der Freude, schmerzsüchtiges Verlangen nach dem Himmel, ansErden Versuchung des Bösen, dort oben Belohnung. — Was bietetder neue Glauben?

Die Herrlichkeit der Welt ist immer adägnat der Herrlichkeit des