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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
156
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IZ6 Vermischte Schriften.

dritte? auf sie ein; das ist hauptsächlich in unseren Tagen der Fall,auch im Mittelalter. Shakespeare zeigt uns in der Geschichte nurdie Wechselwirkung van der menschlichen Natur und den äußerenVerhältnissen die Idee, das dritte, tritt nie auf in seinen Tragödien;daher eine viel klarere Gestaltung und etwas Ewiges, Unwandelbaresin seinen EntWickelungen, da das Menschliche immer dasselbe bleibtzu allen Zeiten. Das ist auch der Fall bei Hamcr. Beider DichterWerke sind tinvergänglich. Ich glaube nicht, das; sie so gut aus-gefallen wären, wenn sie eine Zeit darzustellen gehabt hätten, woeine Idee sich geltend machte, z. B. im Beginne des aufkommendenChristentums, zur Zeit der Reformation, zur Zeit der Revolution.

Bei den Griechen herrschte Identität des Lebens und der Poesie.Sie hatten daher keine so großen Dichter wie wir, wo das Leben vftden Gegensatz der Poesie bildet. Shakespeares große Zehe enthält mehrPoesie, als alle griechischen Poeten, mit Ausnahme des Aristophancs'.Die Griechen waren große Künstler, nicht Dichter; sie hatten mehrKunstsinn, als Poesie. In der Plastik leisteten sie so Bedeutendes,eben weil sie hier nur die Wirklichkeit zu kopieren brauchten, welchePoesie war und ihnen die besten Modelle bot.

Wie die Griechen das Leben blühend und heiter darstellten undzur Aussicht gaben die trübe Schattenwelt des Todes, so hingegenist nach christlichen Begriffen das jetzige Leben trüb und schattenhaft,und erst nach dem Tod kommt das heitere Blütcnlcben. Das magTrost im Unglück geben, aber taugt nicht für den plastischen Dichter.Darum ist die Ilms so heiter jauchzend, das Leben wird um soheiterer erfaßt, je näher unsere Abfahrt zur zweiten Schattenwelt,z. B. von Achilles.

Die Griechen gaben dem Christentum die Kunst: Kunst desWortes (Dogmatil und Mythologie) und Kunst der Sinne (Malereiund Baukunst). Die gotische ist nichts als kranke Kunst. Als ichim Dom von Toulouse (St. Sernin) doppelt sah, sah ich das Centrumgebrochen in der Mitte, und begriff die Entstehung des gotischenSpitzbogens aus dem römischen Kreisbogen.

Kunstwerk.

Das sichtbare Werk spricht harmonisch den unsichtbaren Gedankenans; daher ist auch Lebekunst die Harmonie des Handelns und unsererGesinnung.

Schon ist das Kunstwerk, wenn das Göttliche sich dem Mensch-lichen freundlich zuneigt Diana küßt Endymion; erhaben, wenndas Menschliche sich zum Göttlichen gewaltsam emporhebt Prometheus