Striicusec. 131
Der Charakter der Königin Knroline Mathilde ist, wie sich vonselbst versteht, holde Weiblichkeit, und wenn wir nicht irren, hat deinDichter das Bild der unglücklichen Marie Antoinctts vorgeschwebt,wie denn anch die Bcdrängnissccnc, Ivo die rebellierenden Truppengegen das königliche Schloß marschieren, uns bedeutungsvoll denTuilericnstnrm ins Gedächtnis rief. An Gestalt gewann die Königinebenfalls durch ihre Darstellerin, Demoisclle Hagen, die am Anfangdes zweiten Aktes, auf dem roten, goldumränderten Sessel sitzend,ganz so freundlich aussah, wie auf dem Gemälde von Stieler, daswir jungst im AuSstellnngssnnle des hiesigen Kunstvereins so sehrbewundert haben.
Wir besitzen nicht das Talent, schönen Damen etwas Bittereszu sagen, es sei denn, daß wir sie liebten, und wir enthalten nnSunseres Urteils über das Spiel der Demoisclle Hagen als KöniginKaroline Mathilde um so mehr, da man der Meinung ist, sie habein dieser Rolle besser als jemals gespielt, und da überhaupt unseretwaiger Tadel jene ganze Unnaturschnle betrifft, woraus so vieleMeisterinnen hervorgegangen. Mit Ausnahme der Wolf, der Stich,der Schröder, der Peche, der Müller und noch einiger andernDamen haben sich unsere Schauspielerinnen immer jenes gespreizten,singenden, gleißenden, heuchlerischen ToneS befleißigt, der seinesgleichennur auf lutherischen Kanzeln findet, und der jedes reine Gefühlparodiert. Die natürlichsten, unverwöhntcsten Mädchen glauben,sobald sie die Bretter betreten, diesen Ton anstimmen zu müssen,und sobald sie sich diese traditionelle Unnatur zu eigen gemacht haben,nennen sie sich Künstlerinnen. Wenn wir in dieser Hinsicht unsereKönigin Karoline Mathilde noch keine vollendete Künstlerin nennen,haben wir das größte Lob ausgesprochen, welches sie von uns er-warten kann. Da sie noch jung ist und hoffentlich auf wohlgemeintenWink achtet, vermag sie vielleicht einst dem Streben nach jenem fatalenKünstlertume zu entsagen, und sie soll nnS freundlich geneigt finden,sie dafür vollauf zu loben. Heute aber müssen wir die Krone einerbesseren Königin zusprechen, und trotz unserer antiaristvkratischcnGesinnung huldigen wir der Königin Juliane Marie. Diese ist eineGestalt, diese ist ein Charakter, hier ist nichts auszusetzen an Zeichnung und Farbe, hier ist etwas Neues, etwas ganz Eigentümliches,und hier bekundet der Dichter seine höchste, göttlichste Vollmacht, seineVollmacht, Menschen zu schaffen. Hier scheint uns Herr Beer ein.Können zu offenbaren, das mehr ist, als was wir gewöhnlich Talentnennen, und das wir fast Genie nennen möchten, wenn wir mitdiesem allzu, kostbaren Worte minder geizig wären.
Die alte, schleichend kräftige, entzückend schauderhafte Königin isteine eigentümliche Schöpfung des Dichters, die sich mit keinem vor-handenen Bilde vergleichen läßt. Madame Frieß hat diese Nolle
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