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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
123
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Striieiisce,

Daher wird rauschender Beifall allen solchen Werken gezollt,ivoriu jene Idee hervortritt. Nach Goethes „Werther" war LudwigRodert der erste, der jene Idee auf die Bühne brachte, und uns inder „Macht der Verhältnisse" ein wahrhaft bürgerliches Tranersvielzum besten gab, als er mit kundiger Hand die prosaischen, kaltenUmschläge von der brennenden Herzwunde der modernen MenschheitPlötzlich abriß. Mit gleichem Erfolge haben spätere Autoren dasselbeThema, wir möchten fast sagen dieselbe Wunde, behandelt. DieselbeMacht der Verhältnisse erschüttert uns in „Urila" und „Eduard",der „Herzogin von Duras", und in „Isidor und Olga" von Ranpach,Irankrcich und Deutschland fanden sogar dasselbe Gewand für denselbenSchmerz, und Delavigne und Beer gaben uns beide einen „Paria",Wir wollen nicht untersuchen, welcher von den beiden Dichternden besten Lorbeer verdiente: genug, wir wissen, daß beider Lorbeervon den edelsten Thräncn benetzt worden. Nur sei cS uns örlaubt,anzudeuten, daß die Sprache im Beerschen „Paria", obgleich getränktin Poesie, doch immer noch etwas TheaterinäßigcS an sich trägt undhie und da merken läßt, daß der „Paria" mehr unter Berlinische»Eoulisseubäumen als unter indischen Bananen aufgewachsen, und i»direkter Linie mit der guten „Klytämncstra" und den besseren „Bräutenvon Arragonien" verwandt ist.

Wir haben diese Ansichten über M, BeerS frühere Dichtungenvvranschickcn müssen, um uns desto kürzer und faßlicher über seinueuesteS Trauerspiel, „Struensce", aussprechen zu können,

Zuvörderst bekennen wir, daß der Tadel, womit wir noch ebenden „Paria" nicht verschonen konnten, nimmermehr den „Strncnsee"treffen wird, dessen Sprache rein und klar dahin fließt, und als einMuster guter Diklion gelten, kann. Hier müssen wir die Segel desLobes mit vollem Atem anschwellen, hier erscheint uns Michael Beeram meisten hervorragend aus dem Trosse unserer sogenannten Theaterdichter, jeuer Schwulstlinge, deren bildreiche Jamben sich wie Blumen-kränze oder wie Bandwürmer um dumme Gedanken herumringcln.Es war nuS unendlich erquickend, in jener dürren Sandwüste, diewir deutsches Theater nennen, wieder einen reinen, frischen Labcquellhervorspringen zu sehen,

WaS den Stoff betrifft, so ist Herr Beer wieder von einemglücklichen Sterne, fast möchten wir sagen, glücklichen Instinkte, ge-leitet worden, Dje Geschichte Strucnsees ist ein zu modernes Er-eignis, als daß wir sie herzuerzählen und in gewohnter Weise dieJabel des Stückes zu entwickeln brauchten. Wie man leicht erratenmag, der Stoff desselben besteht einesteils in dem Kampfe einesbürgerlicheil Ministers mit einer hochmütigen Aristokratie, anderntcils in StrucnsccS Liebe zur Königin Karolinc Mathilde von Dänemark,llbcr dieses zweite Hauptthcma der Beerschen Tragödie wollen