122 Vermischte Schriften.
sind, und Farbe und Dust sind zweifelhaft. Dramatisches Talentläßt sich aber hier noch viel weniger verkennen.
Wie erfreulich war daher das weitere Fortschreiten deS Verfassers!War es da? Begreifen des eigenen Irrtums, oder war es unbewußterNaturtrieb, oder war es gar eine äußere, überwältigende Macht, wasden Verfasser Plötzlich in die bravste und richtigste Bahn versetzte?Sein „Paria" erschien. Dieser Gestalt hatte kein Theatersousflenrseinen kümmerlichen Atem eingehaucht. Die Glut dieser Seele warkein gewöhnliches Kolophoniumfener, und keine auswendig gelerntenSchmerzen zuckten durch diese Glut. Da gab es Stichwortc, die jedesHerz trafen, Flammen, die jedes Herz entzündeten.
Herr Beer wird lächeln, wenn er liest, daß wir der Wahl desStoffes dieser Tragödie die außerordentliche Aufnahme, die sie beimPublikum gefunden, zuschreiben möchten. Wir wollen ihm gernezugestehen, daß er in diesem Stücke wahre, nnbezweifclbare Poesiehervortreten ließ, ja daß wir eben durch dieses Erzeugnis bestimmtwurden, ihm die echte Dichterwürde zuzusprechen, und ihn nicht mehrzu jenen homöopathischen Dichtern zu zählen, die nur ein Zehn-tansendteil Poesie in ihre Wasscrtragödien schütten, aber wir müssendoch den Stoff des „Paria" als die Hanptnrsache seines Gelingensbezeichnen. Ist es doch nie die Poesie an und für sich, was denProdukten eines Dichters Celebritttt verschafft. Betrachten wir nurden Gvetheschcn „Werther". Sein erstes Publikum fühlte nimmer-mehr seine eigentliche Bedeutung, und es war nur das Erschütternde,das Interessante des Faktums, was die große Menge anzog undabstieß. Man las das Buch wegen des Totschicßens, und Nievlaitenschrieben dagegen wegen des Totschicßens. Es liegt aber noch einElement im „Werther", welches nur die kleinere Menge angezogenhat, ich meine nämlich die Erzählung, wie der junge Weither ansder hochadcligen Gesellschaft höflichst hinnusgewicsen wird. Wäre der„Werther" in unseren Tagen erschienen, so hätte diese Partie desBuches weit bedeutsamer die Gemüter aufgeregt, als der ganzePistolenknalleffekt.
Mit der Ausbildung der Gescllschaftlichkeit, der nenenropäischenSocietät, erblühte in Unzähligen ein edler Unmut über die Ungleichheitder Stände, mit Unwillen betrachtete man jede Bcvorrechtnng, wo-durch ganze Mcnschenklassen gekränkt werden, Abschen erregten jeneVorurteile, die, gleich zurückgebliebenen häßlichen Götzenbildern ausden Zeiten der Roheit und Unwissenheit, noch immer ihre Menschen-opfer verlangen, und denen noch immer viele schöne und gute Menschenhingeschlachtet werden. Die Idee der Menschenglcichheit durchschwärmtunsere Zeit, und die Dichter, die als Hohepriester dieser göttlichenSonne huldigen, können sicher sein, daß Tauscnde mit ihnen nieder-knien, und Taufende mit ihnen weinen und jauchzen.