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12 (1898) Vermischte Schriften
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124
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124 Vermischte Schriften.

wir keine weitläufigen Betrachtungen anstellen, obgleich dasselbe demDichter so wichtig dunkle, daß er im vierten und fünften Akte fastdas erste Hauptthema darüber vergaß, und vielleicht dieses zweiteHanptthema auch andern Leuten so wichtig erscheinen mag, daß des-halb der Darstellung dieses Trauerspiels an manchen Orten dieallerhöchsten Schwierigkeiten entgegengesetzt werden dürften. Ob esüberhaupt einer liberalen Regierung nicht unwürdig ist, den drama-tischen Darstellungen beurkundeter Wahrheiten sich entgegen zu setzen,ist eine Frage, die wir seiner Zeit erörtern wollen. Unser Volks-schauspiel, über dessen Verfall so trübselig geklagt wird, müßte ganzuntergehen ohne jene Bühnenfreiheit, die noch älter ist als die Preß-freiheit, und die immer in vollem Maße vorhanden war, Ivo diedramatische Kunst geblüht hat, z. B. in Athen zur Zeit des Aristophanes,in England während der Regierung der Königin Elisabeth, die eserlaubt hatte, sogar die Grenclgeschichtcn ihrer eigenen Familie, selbstdie Schrecknisse ihrer eigenen Eltern auf der Bühne darzustellen.Hier in Bayern, wo wir ein freies Volk und, was noch seltener ist,einen freien König finden, treffen wir auch eine ebenso großartigeGesinnung, und dürfen daher auch schöne Knnstfrüchte erwarten.

Wir kehren zurück zu dem ersten Hauptthcma des „Strucnsee",dem Kampfe der Bürgerlichen mit der Aristokratie. Daß dieses Themamit dem des „Paria" verwandt ist, soll nicht geleugnet werden. Esmußte naturgemäß aus demselben hervorgehen, und wir rühmen umso mehr die innere Entwickelung des Dichters und sein seines Gefühl,das ihn immer auf das Prinzip der Hanptstrcitfragen unserer Zeithinlcitet. Im „Paria" sahen wir den Unterdrückten zu Tode ge-stampft unter dem eisernen Fußtritte des übermütigen Unterdrückersund die Stimme, die seelenzerreißcnd zu unseren Herzen drang, warder Notschrei der beleidigten Menschheit, Im „Struensee" hingegensehen wir den ehemals Unterdrückten im Kampfe mit seinen Unter-drückern, diese sind sogar im Erliegen, und was wir hören, ist würdigerProtest, womit die menschliche Gesellschaft ihre alten Rechte vindiziertund die bürgerliche Gleichstellung aller ihrer Mitglieder verlangt.In einem Gespräche mit Graf Ranzau, dem Repräsentanten derAristokratie, spricht Struensee die kräftigsten Worte über jene Bevor-rechteten, jene Karyatiden des Thrones, die wie dessen notwendigeStützen aussehen möchten, und treffend schildert er jene noble Zeit,wo er noch nicht das Staatsruder ergriffen hatte:

Es teilten

Die höchsten Stellen Übermut und Dünkel.

Die Bessern wichen. Einem feilen HeerKäuflicher Diener ließ man alle MühenDer Niedern Ämter. Schimpflich nährte damals