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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
117
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Tassos Tod. 117

Ebenfalls wunderschön sind die Verse S. 77; sowie anch dieStanzen S. 82, wo Tasso zur Gisellv, die ihn als Pilger besucht, sagt:

Wie sich die Blume wendet zu der Sonne,

Und wie der Tan sich wiegt im Morgenschein,

Wie Engel flehn znr himmlischen Madoune,

Und Schar an Schar sich mn die Hohe reihn:

So still und feierlich, voll sel'ger Wonne,

Schließt mich das Zanbcrland der Liebe ein;

Klar seh' ich die Verklärte vor mir schweben,

Frei und in Banden ihr allein zu leben. — —

Ob aber überhaupt der Reim in der Tragödie zweckmäßig ist?Wir sind ganz dagegen, würden ihn nur bei rein lyrischen Ergüssentolerieren, und wollen ihn in vorliegender Tragödie nur da ent-schuldigen, wo Tasso selbst spricht. Im Mnude des Dichters, derso viel in seinem Leben gereimt hat, klingt der Reim wenigstens nichtganz unnatürlich. Dem schlechten Poeten wird der Reim in derTragödie immer eine hilfreiche Krücke sein, dem guten Dichter wirder zur lästigen Fessel. Ans keinen Fall findet derselbe Ersaß dafür,daß er sich in diese Fessel schmiegt. Denn unsere Schauspieler, be-sonders Schauspielerinnen, haben noch immer den leidigen Grundsatz,daß die Reime für das Auge seien, und daß man sich ja hüten müsse,sie hörbar klingen zu lassen. Wofür hat sich nun der arme Dichterabgeplagt? — So wohlklingend anch die Verse unseres Verfasserssind, so fehlt es denselben doch an Rhythmus. Es fehlt ihm dieKunst des Enjambements, die beim fünffüßigen Jambus von sounendlicher Wirkung ist, und wodurch sovicle metrische Mannig-faltigkeit hervorgebracht wird. Manchmal hat sich der Verfasser einenSechsfüßer entschlüpfen lassen. Schon S. 1.

Die deine Schönheit rühmen nach Verliebter Art.Ob vorsätzlich? — Unbegreiflich ist uns, wie sich der Verfasser dieSkansion „Virgil" S. 7 und 22 erlauben konnte. Sowie anch S. 4„Und vielleicht darum, weil sie's nöt'ger haben." — S. 14. DerDaktylus „Hörenden" am Ende des Verses füllt das Ohr nicht. Ob-schon unsere besten alten Dichter sich solche Fehler zu schulden kommenlassen, sollten doch die jüngeren sie zu vermeiden suchen.

Wir gehen jetzt über znr Frage: welchen Wert hat vorliegendeTragödie in ethischer Hinsicht?

Ethisch? Ethisch? hören wir fragen. Um Gottes willen, gelehrteHerren, halten Sie sich nicht an der Schuldcfinitivn. Ethisch sollhier nur ein Rubrikname sein, und wir wollen entwickelnd erklären,was wir unter dieser Rubrik befaßt haben wollen. Hören Sie, ist