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12 (1898) Vermischte Schriften
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118
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118 Vermischte Schriften.

es Ihnen noch nie begegnet, daß Sic innerlich mißvergnügt, ver-stimmt und ärgerlich dcS Abends aus dein Theater kamen, vbschvndas Stück, das Sie eben sahen, recht dramatisch, theatralisch, kurzvoller Poesie war? Was war nun der Fehler? Antwort: DaS Stückhatte keine Einheit des Gefühls hervorgebracht. Das ist es. Warummußte der Tugendhafte untergehen durch List der Schelme? Warummußte die gute Absicht verderblich wirken? Warum mußte die Un-schuld leiden? Das sind die Fragen, die uns marternd die Brustbeklemmen, wenn wir nach der Vorstellung von manchem Stücke anSdem Theater kommen. Die Griechen fühlten wohl die Notwendigkeit,dieses gualvvlle Warum in der Tragödie zu erdrücken, und sie er-sannen das Fatnm. Wo nun aus der beklommenen Brust einschweres Warum hcrvorstieg, kam gleich der ernste ChvrnS, zeigte mitdem Finger nach oben, nach einer höheren Weltordnung, nach einemlirratschlnß der Notwendigkeit, dem sich sogar die Götter bcngen.So war die geistige Ergänznngssucht des Menschen befriedigt, undes gab seht noch eine unsichtbare Einheit: — Einheit des Gefühls.Viele Dichter unserer Zeit haben dasselbe gefühlt, das Fatum nach-gebildet, und so entstanden unsere heutigen Schicksalstragödien.Lb diese Nachbildung glücklich war, ob sie überhaupt Ähnlichkeit mitdem griechischen Urbild hatte, lassen wir dahingestellt. Genug, solöblich auch das Streben nach Hcrvorbringnng der GefiihlSeinheitwar, so war doch jene SchicksalSidce eine sehr traurige Aushilfe, einunerquickliches, schädliches Surrogat. Ganz widersprechend ist jeneSchicksalSidce mit dem Geist und der Moral unserer Zeit, welchebeide durch das Christentum ausgebildet worden. Dieses grause,blinde, unerbittliche Schicksalswalten verträgt sich nicht mit der Ideeeines himmlischen VaterS, der voller Milde und Liebe ist, der dieUnschuld sorgsam schützet, und ohne dessen Willen kein Sperling vomDache fällt. Schöner und wirksamer handelten jene neueren Dichter,die alle Begebenheiten ans ihren natürlichen Ursachen entwickeln, anSder moralischen Freiheit des Menschen selbst, ans seinen Neigungenund Leidenschaften, und die in ihren tragischen Darstellungen, sobaldjenes fruchtbare letzte Warum auf den Lippen schwebt, mit leiserHand den dunkeln Himmelsvorhang lüften, und uns hineinlanschcnlassen in das Reich des Überirdischen, wo wir im Anschauen so vielerleuchtenden Herrlichkeit und dämmernden Seligkeit mitten unterQualen aufjauchzen, diese Qualen vergessen oder in Freuden ver-wandelt fühlen. Das ist die Ursache, warum oft die traurigstenDramen dein gefühlvollsten Herzen einen unendlichen Genuß verschaffen. — Nach letzterer löblichen Art hat sich auch unser Verfasserbestrebt, die Gefühleinhcit hervorzubringen. Er hat ebenfalls dieBegebenheiten anS ihren natürlichen Gründen entwickelt. In denWorten der Prinzessin: