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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
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Tassos Tod. IIS

konnten sie füglich entbehren, da ihre Helden meistens bekannte He-roen, Götter nnd dergleichen stehende Charaktere waren. Dies ginghervor ans der Entstehung ihres Theaters. Priester und Epikerhatten lange schon voraus die Konturen der Heldcncharaktere demDramatiker vorgezcichnet. Anders ist es bei unserem modernenTheater. Charakterschilderung ist da eine Hauptsache. Ob nicht auchdie Ursache davon in der Entstehungsart unseres Theaters liegt,wen» wir annehmen, daß dasselbe hauptsächlich entstanden ist durchFastnachtspossen? Es war da der Hauptzweck, bestimmte Charakterelebendig, oft grell hervortreten zu lassen, nicht eine Handlung, nochviel weniger eine Leidenschaft zu entwickeln. Beim großen WilliamShakespeare finden wir zuerst obige drei Zwecke vereinigt. Er kanndaher als Gründer des modernen Theaters angesehen werden, undbleibt unser großes, freilich unerreichbares Muster. Johann Gott-hold Ephraim Hessing, der Mann mit dem klarsten Kopfe und mitdem schönsten Herzen, war in Deutschland der erste, welcher dieSchilderungen von Handlungen, Leidenschaften und Charakteren amschönsten und am gleichmäßigsten in seinen Dramen verwebte, undzu einem Ganzen zusammenschmelzte. So blieb es bis auf die neuesteZeit, Ivo mehrere Dichter anfingen, jene drei Gegenstände der dra-matischen Schilderung nicht mehr zusammen, sondern einzeln zumHauptzweck ihrer Tragödien zu machen. Goethe war der erste, derdas Signal zu bloßen Charakterschilderungen gab. Er gab sogarauch das Signal zu Charakterschilderung einer bestimmten KlasseMenschen, nämlich der Künstler. Auf seineu Tassv folgte Oehlenschlttgers „Corregio" und diesem wieder eine Anzahl ähnlicher Tra-gödien. Auch der „Tusso" unseres Verfassers gehört zu dieser Gat-tung. Wir können daher bei dieser Tragödie Maugel an Ein-heit der Handlung füglich entschuldigen, nnd wollen sehen, ob dieCharakter- und nebenbei die Leidcnschnfts-Schilderungen treu undwahr sind.

Den Charakter des Haupthclden finden wir trefflich und treugehalten. Hier scheint dem Verfasser ein glücklicher Umstand zustatten gekommen zu sein. Nämlich, Tasso ist ein Dichter, oft einlyrischer und immer ein religiös schwärmerischer Dichter. Hier konnteunser Verfasser, der alles dieses ebenfalls ist, mit seiner ganzen In-dividualität hervortreten, und dem Charakter seines Helden eine über-raschende Wahrheit geben. Dieses ist das Schönste, das Beste in derganzen Tragödie. Etwas minder treffend gezeichnet ist der Charakterder Prinzessin; er ist zu weich, zu wächsern, zu zerfließend, es fehltihm an Gehalt. Die Gräfin Sanvitale ist vom Verfasser gleichgültigbehandelt; nur ganz schwach läßt er ihr Wohlwollen für Tasso hervorschimmern. Der Herzog ist in mehreren Sccnen sehr wahr gezeichnet, doch widerspricht er sich oft. Z.B. am Ende des zweite»