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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
108
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108 Vermischte Schriften.

können wir nicht umhin, zu bemerken, daß die Begebenheit, welcheletzterem zur Katastrophe dient, anch von unserem Verfasser benutztworden ist, nämlich: der in Liebesverzückung taumelnde Tasso um-armt Leonore von Este. Als historisch müssen wir diese Begeben-heiten leugnen. Tassos Hauptbivgraphen, sowohl Serassi, als anch(wenn wir nicht irren) Manso, verwerfen sie. Nur Muratori erzähltuns ein solches Märchen. Wir zweifeln sogar, ob je eine Liebezwischen der zehn Jahr älteren Prinzessin Leonore und A,asso existierthabe. Überhaupt, wir können auch nicht unbedingt annehmen dieallgemein verbreitete Meinung, als habe Herzog Alphons aus bloßemEgoismus, aus Furcht, seinen eigenen Ruhm geschmälert zu sehen,den armen Dichter ins Narrenhospital einsperren lassen. Ist es dennso etwas ganz Unerhörtes und Unbegreifliches, daß ein Poet verrücktgeworden sei? Warum wollen wir uns dieses Verrücktwerdeu nichtvernünftig erklären? Warum nicht wenigstens annehmen, daß dieUrsache jener Einsperrung sowohl im Hirne des Dichters, als imHerzen des Fürsten gelegen habe? Doch wir wollen von allem histo-rischen Vergleichen lieber gleich abgehen, setzen die Fabel des Stückes,wie sie allgemein gäng und gäbe ist, als bekannt voraus, und sehenzu, wie unser Verfasser seinen Stoff behandelt hat.

Das erste, was wir hier erblicken, ist, daß der Verfasser einevon Manso erwähnte und von Serassi durchaus geleugnete Leonoreins Spiel zieht. Durch diesen glücklichen Griff gewinnt das Stückan interessanter, intrigucnartiger, dramatischer Verwickelung. DieseLeonore Nr. 3, genannt Leonore von Gisello, ist Gesellschafterin derGräfin Leonore von Sanvitale. Mit dem Zweigespräch dieser beidenim Schloßpark zu Ferrara beginnt das Stück.

Leonore von Gisello gesteht, daß sie Tasso liebe, und erzählt,daß sie einen Beweis seiner Gegenliebe habe. Die Gräfin entgegnetihr, daß dieser Beweis, der darin bestehe, daß so oft in Tassos Liedernder Name Leonore gefeiert werde, sehr zweideutig sei, da noch zweiandere Damen des Hofes, sie selbst und die Prinzessin, denselbenNamen führen. Es wäre sogar wahrscheinlich, daß die Prinzessindie Gefeierte sei. Die Gräfin erinnert an jenen Tag, wo Tasso demHerzog sein vollendetes Gedicht, das befreite Jerusalem, überreichte,und die Prinzessin

mit schnell gewandten Händen griff

Zum Lorbeerkranz, der Virgils Marmor schmückte,

Und ihn dem Sänger auf die Stirnc drückte,

Der niederbog sein Knie, sein lockicht Haupt,

Das eine Fürstin liebend ihm nmlaubt!

Da zittert er; so tief er sich anch beugte,

Hob sich sein Auge doch zu ihr empor,