Tassos Tod. 107
gedungen, der Kapellmeister für dämmernde Gefühle, und der Lampen-putzer für klare Beleuchtung Sorge trägt. Das will dem epischenDichter gar nicht in den Kopf, und wenn er sich im Drama versucht,verwickelt er sich iu schöne Gegendbcschrcibungen, Charakterschilde-rungen und zu feine Nüancierungcn. Endlich leidet das Dramakeinen Stillstand, kein Nebeneinander, noch viel weniger ein Vorein-ander, wie das Epos. Der Hauptcharakter des Dramas ist alsolebendiges und immer lebendigeres Fortschreiten und Ineinander-greifen des Dialogs und der Handlung.
Wir haben hier das Charakteristische im Wesen des Epos unddes Dramas leicht hingezeichnet, und jedem ist es durchaus erklärbar,warum so viele Dichter mit Erfolg aus dein Gebiete der Lyrik indas Gebiet des Epischen übergehen, weil sie hier ihre Subjektivitätnicht ganz und gar zu verleugnen brauchen, und durch etwaige Versuche in der Romanze, in der Elegie, im Roman und in dergleichenDichtungsartcn, welche aus einer Vermischung des Epischen und desLyrischen bestehen, sich an jene Verleugnung der Subjektivität all-mählich gewöhnen können, oder einen leichten Übergang zum Rein-epischen finden, statt daß bei der dramatischen Dichtung keine solcheÜbergangsform vorhanden ist, und gleich die allerstrengste Unter-drückung der hervorquellenden Subjektivität verlangt wird. Zugleichist es sichtbar, daß es die Gewohnheit, welche den erprobtesten epischenDichter, der immer an Lokal- und Kvstümschilderungen n. dgl. denkt,zum schlechten Dramatiker macht, und daß es daher gut ist, wennder Dichter, der im Dramatischen sich hervorthnn will, ans dem Ge-biete der Lyrik gleich in das Gebiet des Dramas übergeht.
Mit Vergnügen bemerken wir, daß dieses letztere der Fall istbeim Verfasser der vorliegenden Tragödie, dessen lyrische Gedichtesowohl durch äußeren Glanz als lebendige Innigkeit uns so oft cut-zückt haben. Indessen, wie schwer, wie äußerst schwer der Übergangvom Lyrischen zum Dramatischen ist, hat unser Herr Verfasser selbsterfahren, da ihm seine erste, dem „Tassv" vorangehende Tragödiegänzlich mißlungen ist. Doch das ehrliche Geständnis, womit derVerfasser in der Vorrede zum „Tassv" über dieses Mißlingen sichäußert, sowie auch der überraschende Eindruck, den letztere Tragödieauf denjenigen macht, der das Unglück gehabt hat, die frühere zulesen, das alles berechtigt uns, viele Mängel des „Tassv" zu über-sehen, das rüstige Fortschreiten des Verfassers zu bewundern, seinschon errungenes Talent anzuerkennen und ihm in einiger Ferne denKranz zu zeigen, der ihm auf solchen! Wege und bei solchem Strebennimmermehr vorenthalten werden kann.
Die bescheidene Erklärung in der Vorrede zum „Tasso" machtes u ns gleichsam zur Pflicht, jeder Vergleichung desselben mit deinGoethcschcn Drama desselben NamcnS gehörig auszuweichen. Doch