106 Vermischte Schriften,
stünde und Begebenheiten besser durchschaut, und sein Geist die Gc-saintanschauung dieser Außenwelt in sich aufnimmt, so wird es auchein neues Bestreben des Dichters sein, diese äußeren Gegenstände inihrer objektiven Klarheit, ohne Beimischung von subjektiven Gefühlenund Ansichten, poetisch schön darzustellen. So entsteht die epische unddie dramatische Dichtung,
Gewisse Talente, wie man sieht, werden von der einen dieserDichtungsarten ebensogut wie von der andern erfordert, nämlich tallgemeine Naturanschaunug, Heraustreten aus der Subjektivität,treue, lebendige Schilderung von Begebenheiten, Situationen, Leiden-schaften, Charakteren u, s, w. Doch machen wir die vielbestätigte Bcmcrkuug: daß Dichter, die in der einen dieser Dichtnngsarten Meistersind, oft in der andern nichts Erträgliches zustande bringen können.Diese Beobachtung führt uns zur Untersuchung, ob jenes Mißlingennicht dadurch entsteht, weil etwa bei der einen Dichtnngsart die obenangedeuteten Talente in minderem Grade erforderlich sind, als beiandern, und weil vielleicht das Wesen beider Dichtungsarten so er-staunlich voneinander verschieden ist?
Wenn wir den epischen und den dramatischen Dichter, jeden inseiner Werkstätte belauschen und hier sein Verfahren beobachten, soist uns nichts leichter, als die Lösung dieser Frage, Der Epikerträgt freilich im Geiste die lebendigste Anschauung seines Stoffes,aber er erzählt einfach, natürlich, sein Erzählen ist zwar meistens einNacheinander, aber auch oft ein Nebeneinander, und nicht selten einVoreinander (Voraussagen der Katastrophe), Er schildert ruhig dieGegend, die Zeit, das Kostüm seiner Helden, er läßt sie zwar sprechen,aber er erzählt ihre Mienen und Bewegungen, und zuweilen gar schießtein Blitzstrahl anS seinem eigenen Gemnic, aus seiner Subjektivität,und beleuchtet mit schnellein Lichte das Lokal und die Helden seinesGedichtes, Dieses subjektive Aufblitzen, wovon unsere zwei bestenepischen Gedichte, die Odyssee und die Nibelungen, nicht frei sind,und welches vielleicht zum Charakter des Epos gehört, zeigt schon,daß das Talent des gänzlichen Heranstretens aus der Subjektivitätbeim Epos nicht in so hohem Grade erforderlich ist, als beim Drama,In dieser Dichtart muß jenes Talent vollkommen sein. Aber dasist noch lange nicht das Hauptsächlichste, Das Drama setzt eineBühne voraus, wo sich nicht jemand hinstellt und das Gedicht vvr-deklamiert, sondern wo die Helden des Gedichts selbst lebendig auf-treten, in ihrem Charakter mitsammen sprechen und handeln. Hierbeihat der Dichter nur notwendig aufzuzeichnen, was sie sprechen undwie sie handeln. Wehe dem Dichter aber, der es da vergißt, daßdiese lebendigen Heldcnvorsteller das Recht haben, nach eigener Willkürsich zu gruppieren und Grimassen zu schneiden, daß der Theaterschneider für hübsche Kleider, der Dekorationsmaler für hübsche Uni-