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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
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105
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Tassos Tod, 105

mit strenger Hand aufzudecken, Ehrlich gestanden, will es unsfreilich bedanken, als ob mir bei diesem Geschäft nicht ganz unähnlichsind jenem unzufriedenen Grämlinge, der in der Mittagsschwüleunter einem laubigen Apfelbaume ein kühlendes Obdach fand, denlechzenden Gauinen mit den Früchten desselben labte, sich weidlichergötzte an dem Gezwitscher der Vöglein, die von Zweig zu Zweigflatterten, aber endlich gegen Abend sich verdrießlich auf die Beinemacht, und über den Baum räsoniert und in sich murmelt:Daswar ein erbärmliches Lager, das waren ja herbe Holzäpfel, das warein unausstehliches Spatzengepiepse u, s, m," Indessen, das Reecn-sieren hat doch auch sein Gutes, Es giebt Heuer so viele wunderlicheBäume auf dein Parnaß, daß es not thut, wie in botanischen GärtenGebrauch ist, bei jedem ein weißes Täfclchen zu stellen, worauf derWanderer lesen kann:Unter diesem Baume läßt sich's angenehmruhen, auf diesem wachsen treffliche Früchte, in diesem singen Nach-tigallen;" sowie auch:Ans diesem Baume wachsen unreife, nn-erguickliche und giftige Früchte, unter diesem Baume duftet sinne-betänbendcr Weihrauch, unter diesem spuken des Nachts alte Nittergeister,in diesen! pfeift ein sauberer Vogel, unter diesem Baume kann mangut einschlafen,"

Wir haben oben bemerkt, daß wir vorliegende Tragödie nachden Knnstvorschriftcn der Dramaturgie beurteilen wollen. Doch, dain betreff derselben auch unsere größten Ästhetiker nicht miteinanderübereinstimmen, da es Anmaßung wäre, wenn wir unsere eigeneMeinung als die allein richtige annehmen wollten, und da wir nichtdurch subjektive Ansicht daS Verdienst des Dichters unbewußt be-einträchtigen möchten, so wollen wir nie unbedingt ein Urteil überdie Leistungen desselben fällen, ohne erst mit wenigen Worten an-gedeutet zu haben, von welchen ästhetischen Grundsätzen wir aus-gehen, Wir werden demnach vorliegende Tragödie ans drei Gesichts-punkten beurteilen: ans dem dramatischen, ans dem poetischen undaus dem ethischen Gesichtspunkte,

Lyrik ist die erste und älteste Poesie, Sowohl bei ganzen Völ-kern, als bei einzelnen Menschen, sind die ersten poetischen Ausbrüchelyrischer Art, Die gebräuchlichen Kvnvenienzmetaphern scheinen hierdem Dichter zu abgedroschen und kalt, und er greift nach ungewöhn-lichen, imposanteren Bildern und Vergleichen, um sowohl seine sub-jektiven Gefühle als auch die Eindrücke, welche äußere Gegenständeans seine Subjektivität ausüben, lebendig darzustellen. Es giebt In-dividuen und ganze Völker, die es in der Poesie nie weiter als biszu dieser Dichtart gebracht haben. Bei beiden deutet solches aufeinen Zustand der Geisteskindheit oder der flachen Einseitigkeit, So-bald aber beim Dichter eine gewisse Verstandcsrcife eingetreten ist,sobald sein geistiges Auge das innere Getreibe der äußeren Gegen-