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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
103
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Gedichte von Johann Baptist Ronssean, 103

staucht uns der Geist der Nheiugegenden an, und wir finden darinüberall Spuren des dortigen Treibens und Schaffens, des dortigenVolkScharakters mit all seiner Lebensfreude, Anmut, Freiheitsliebe,Beweglichkeit und uubewnßten Tiefe. In Hinsicht der Knnststusehalten wir das zweite der beiden Bücher für vorzüglicher, als daserste, vbschon dieses mehr Ansprechendes und Kräftiges enthält. Indem ersten Buche ist noch die Bewegung der Leidenschaft vorherrschend,eben weil in demselben das unruhige Streben nach Geschichte sichausspricht; im zweiten dämmert schon eine epische Ruhe hervor, dabereits einiger Gcschichtsstoff vorhanden ist, der bestimmte Umrissegewährt. Nun weiß aber jeder und wer es nicht weiß, erfahrees hier daß die Leidenschaft ebensogut Gedichte hervorbringt, alsder eingeborene poetische Genius. Darum sieht man so viele deutscheJünglinge, die sich für Dichter halten, weil ihre gärende Leiden-schaft, etwa dnS Hervorbrechen der Pubertät oder der Patriotismusoder der Wahnsinn selbst, einige erträgliche Verse erzeugt. Darumsind ferner manche Winkelnsthctiker, die vielleicht einen zärtlichenKutscher oder eine zürnende Köchin in poetische Redensarten aus-brechen sahen, zu dem Wahne gelangt: die Poesie sei gar nichts an-deres, als die Sprache der Leidenschaft. Sichtbar hat unser Verfasserin dem ersten Buche manches Gedicht durch den Hebel der Leiden-schaft hervorgebracht; doch von den Gedachten dcS zweiten Buches läßtsich sagen, daß sie zum Teil Erzeugnisse des Genius sind. Schwererist es, daS Maß der Kraft desselben zu bestimmen, und der Raumdieser Blätter erlaubt nicht eine solche Untersuchung. Wir gehen daherüber zu einem mehr äußerlichen Bezeichnen der beiden Bücher. Daserste enthält hundert einzelne und verbundene Gedichte, in verschie-denen Vers- und Tonarten. Der Verfasser gefällt sich darin, diemeisten südlichen Formen nachzubilden, mit mehr oder weniger Er-folg. Doch auch die schlichtdcutsche Sprnchwcise und daS Volksliedsind nicht vergessen. Seiner Kürze halber sei folgender Spruch erwähnt:

Mir ist zuwider die KopfhäugereiDer jetzigen deutschen Jugend,

Und ihre, gleich einer Litanei,

Auswendig gelernte Tugend.

Die Volkslieder sind zwar im rechten Volkstöne, aber nach unseremBedünken etwaS zu massiv geschrieben. Es kommt darauf an, denGeist der Volkslicdformcu zu erfassen, und mit der Kenntnis des-selben nach unserem Bedürfnis gemodelte, neue Formen zu bilden.Abgeschmackt klingen daher die Titulatur-Volkslieder jener Herren,die den heutigsten Stoff aus der gebildeten Gesellschaft mit einerForm umkleiden, die vielleicht ein ehrlicher Handwerksbursche vorzweihundert Jahren für den Erguß seiner Gefühle passend gefunden.