96 Vermischte Schriften.
nur Staffeln sind zu einem höheren gattähnlichcn Zustande dcSMenschengeschlechtes, dessen sittliche und politische Kämpfe endlich denheiligsten Frieden, die reinste Verbrüderung und die ewigste Glück-seligkeit zur Folge haben. Das goldene Zeitalter, heißt es, liegenicht hinter uns, sondern vor uns; wir seien nicht aus dem Paradiesevertrieben mit einem flammenden Schwerte, sondern wir müßten eSerobern durch ein flammendes Herz, durch die Liebe; die Frucht derErkenntnis gebe uns nicht den Tod, sondern das ewige Leben. —„Civilisation" war lange Zeit der Wahlspruch bei den Jüngernsolcher Ansicht. In Deutschland huldigte ihr vornehmlich die Humani-tätsschule. Wie bestimmt die sogenannte philosophische Schule dahinzielt, ist männiglich bekannt. Sie war den Untersuchungen politischerFragen ganz besonders förderlich, und als höchste Blüte dieser An-sicht predigt man eine idealische Staatsform, die, ganz basiert ausBernnnstgründcn, die Menschheit in letzter Instanz veredeln und be-glücken soll. — Ich brauche wohl die begeisterten Kämpen dieser An-sicht nicht zu nennen. Ihr Hvchstreben ist jedenfalls erfreulicher, alsdie kleinen Windungen niedriger Ranken; wenn wir sie einst be-kämpfen, so geschehe es mit dem kostbarsten Ehrcnschwcrte, währendwir einen rankenden Knecht nur mit der wahlverwandten Knute ab-fertigen werden.
Beide Ansichten, ivie ich sie angedeutet, wollen nicht recht mitunseren lebendigsten Lebensgefühlcn übercinktingen; wir wollen ansder einen Seite nicht umsonst begeistert sein und das Höchste setzenan das Vergängliche; auf der andern Seite wollen wir auch, daßdie Gegenwart ihren Wert behalte, und daß sie nicht bloß als Mittelgelte und die Zukunft ihr Zweck sei. Und in der That, wir fühlenuns wichtiger gestimmt, als daß wir nns nur als Mittel zu einem Zweckebetrachten möchten; es will nns überhaupt bedüuken, als seien Zweckund Mittel nur konventionelle Begriffe, die der Mensch in die Naturund in die Geschichte hinein gegrübelt, von denen aber der Schöpfernichts wußte, indem jedes Erschaffnis sich selbst bezweckt und jedesEreignis sich selbst bedingt, und alles, wie die Welt selbst, seiner selbstwillen da ist und geschieht. — Das Leben ist weder Zweck nochMittel; das Leben ist ein Recht. Das Leben will dieses Recht gel-tend machen gegen den erstarrenden Tod, gegen die Vergangenheit,und dieses Geltendmachen ist die Revolution. Der elegische Jndiffe-rentismus der Historiker und Poeten soll unsere Energie nicht lähmenbei diesem Geschäfte; und die Schwärmerei der Zuknnftbeglücker sollnnS nicht verleiten, die Interessen der Gegenwart und das zunächstzu verfechtende Mcnschenrecht, das Recht zu leben, aufs Spiel zusetzen. — I-s pain est Is clroit ein psupls, sagte Saint-Just, und dascst das größte Wort, das in der ganzen Revolution gesprochen worden.