Verschiedenartige Geschichtsauffassung. 85
Möchten doch viele diese Ansicht teilen! dann gäbe es bald keinenStreit mehr zwischen Romantikern und Plastikern. Doch mancherLorbeer muß welken, ehe wieder das Ölblatt auf unserem Parnnssushervorgrünt.
verschiedenartige Geschichtsauffassung.
Das Buch der Geschichte findet mannigfaltige Auslegungen.Zwei ganz entgegengesetzte Ansichten treten hier besonders hervor.— Die einen sehen in allen irdischen Dingen nur einen trostlosenKreislauf; im Leben der Völker wie im Leben der Individuen, indiesem, wie in der organischen Natur überhaupt, sehen sie ein Wachsen,Blühen, Welken und Sterben: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.„Es ist nichts Neues unter der Sonne!" ist ihr Wahlspruch; undselbst dieser ist nichts Neues, da schon vor zwei Jahrtausenden derKönig des Morgenlandes ihn hervor geseufzt. Sic zucken die Achselüber unsere Civilisntion, die doch endlich wieder der Barbarei weichenwerde; sie schütteln den Kopf über unsere Freiheitskämpfe, die nurdem Aufkommen neuer Tyrannen förderlich seien; sie lächeln überalle Bestrebungen eines politischen Enthusiasmus, der die Welt besserund glücklicher machen null, und der doch am Ende erkühle undnichts gefruchtet: — in der kleinen Chronik von Hoffnungen, Nöten,Mißgeschicken, Schmerzen und Freuden, Irrtümern und Enttäuschungen,womit der einzelne Mensch sein Leben verbringt, in dieser Menscheu-geschichte sehen sie auch die Geschichte der Menschheit. In Deutschlandsind die Weltweisen der historischen Schule und die Poeten ans derWolfgang-Gvethcschen Kunstperiodc ganz eigentlich dieser Ansicht zu-gethan, und letztere Pflegen damit einen sentimentalen Jndifserentis-mus gegen alle politische» Angelegenheiten des Vaterlandes aller-süßlichst zu beschönigen. Eine zur Genüge wohlbekannte Regierungin Norddeutschlnud weiß ganz besonders diese Ansicht zu schätzen, sieläßt ordentlich Menschen darauf reisen, die unter den elegischen RuinenItaliens die gemütlich beschwichtigenden Fatalitcitsgedanken in sichausbilden sollen, um nachher, in Gemeinschaft mit vermittelndenPredigern christlicher Unterwürfigkeit, durch kühle Jvnrnalaufschlägedas dreitägige Freiheitsfieber dcS Volkes zu dämpfen. Immerhin,wer nicht durch freie Geisteskraft emporsprießen kann, der mag amBoden ranken; jener Negierung aber wird die Zukunft lehren, wieweit man kommt mit Ranken und Ränken.
Der oben besprochenen, gar fatalen fatalistischen Ansicht stehteine lichtere entgegen, die mehr mit der Idee einer Vorsehung ver-wandt ist, und wonach alte irdischen Dinge einer schönen Vervvll-kommeuhcit entgegen reifen, und die großen Helden und Heldenzeiteu