Druckschrift 
12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
94
Einzelbild herunterladen
 

34 Vermischte Schriften.

Bilder und Worte die neuen Gefühle zu bezeichnen. ES mußten jetztneue Bilder und neue Worte erdacht werden, und just solche, diedurch eine geheime sympathetische Verwandtschaft mit jenen neuenGefühlen diese letzteren zu jeder Zeit im Gcmiite erwecken und gleichsamheraufbeschwören konnten. So entstand die sogenannte romantischePoesie, die in ihrem schönsten Lichte im Mittelalter anfblütc, späterhinvom kalten Hauch der Kriegs- und Glanbensstürme traurig dahin-welkte, und in neuerer Zeit wieder lieblich ans dem deutschen Bodenaussproßte und ihre herrlichste» Blumen entfaltete. Es ist wahr, dieBilder der Romantik sollten mehr erwecken als bezeichnen. Aber nieund nimmermehr ist dasjenige die wahre Romantik, was so vieledafür ausgeben, nämlich ein Gemengsel von spanischem Schmelz,schottischen Nebeln und italienischem Geklinge, verworrene und vcr-schwimmende Bilder, die gleichsam ans einer Zauberlaterne ausge-gossen werden und durch buntes Farbenspiel und frappante Be-leuchtung seltsam das Gemüt erregen und ergötzen. Wahrlich, dieBilder, wodurch jene romantischen Gefühle erregt werden sollen,dürfen ebenso klar und mit ebenso bestimmten Umrisse» gezeichnetsein, als die Bilder der plastischen Poesie. Diese romantischen Bildersollen an und für sich schon ergötzlich sein; sie sind die kostbarengoldenen Schlüssel, womit, wie alte Märchen sagen, die hübschen ver-zauberten Fecngttrten aufgeschlossen werden. So kommt es, daßunsere zwei größten Romantiker, Goethe und A. W. von Schlegel,zu gleicher Zeit auch unsere größten Plastiker sind. In GoethesFaust" und Liedern sind dieselben reinen Umrisse, wie in derIphigenie", inHermann und Dorothea", in den Elegien u. s. w.',und in den romantischen Dichtungen Schlegels sind dieselben sicherund bestimmt gezeichneten Konturen, wie in dessen wahrhaft plastischemRom". O, möchten dies doch endlich diejenigen beherzigen, die sichso gern Schlcgclianer nennen.

Viele aber, die bemerkt haben, welchen ungeheuren Einfluß dasChristentum, und in dessen Folge das Rittertum, auf die romantischePoesie ausgeübt haben, vermeinen nun beides in ihre Dichtungeneinmischen zu müssen, um denselben den Charakter der Nomantikauszudrücken. Doch glaube ich, Christentum und Rittertum warennur Mittel, um der Romantik Eingang zu verschaffen; die Flammederselben leuchtet schon längst ans dem Altare unserer Poesie; keinPriester braucht noch geweihtes Öl hinzuzugießen, und kein Ritterbraucht mehr bei ihr die Waffenwncht zu halten. Deutschland istjetzt frei; kein Pfaffe vermag mehr die deutschen Geister einzukerkern tkeilt adeliger Herrschcrling vermag mehr die deutschen Leiber zurFron zu peitschen, und deshalb soll auch die deutsche Muse wiederei» freies, blühendes, unaffekticrtes, ehrlich deutsches Mädchen sein,und kein schmachtendes Nönnchen und kein ahnenstolzes Ritlcrfränlein.