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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
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84
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84 Vermischte Schriften.

wie mit so vielen andern Errungenschaften auS jener Blütezeit deutscherHoffnung, mag es jetzt in unserer Heimat auch mit besagter Fragesehr rückgängig aussehen, und an manchen Orten soll sie sich wieder,wie man mir sagt, im schmachvollsten statu guo befinden. Die Judendürften endlich zur Einsicht gelangen, daß sie erst dann wahrhaftemancipiert werden können, wenn auch die Emancipation der Christenvollständig erkämpft und sichergestellt worden, Ihre Sache ist identischmit der des deutschen Volkes, und sie dürfen nicht als Juden begehren,waS ihnen als Deutschen längst gebührte.

Ich habe in obigen Blättern angedeutet, daß sich der GelehrteS. Münk mit einer Herausgabe der hinterlassen«: Schriften desseligen Marcus beschäftigen werde. Leider ist dieses jetzt unmöglich,da jener große Orientalist an einem Übel leidet, das ihm nicht er-laubt, sich einer solchen Arbeit zu unterziehen; er ist nämlich seitzwei Jahren gänzlich erblindet. Ich vernahm erst kürzlich dieses bc-trübsame Ereignis, und erinnere mich jetzt, daß der vortrefflicheMann trotz bedenklicher Symptome sein leidendes Gesicht nie schonenwollte. Als ich das letzte Mal die Ehre hatte, ihn auf der könig-lichen Bibliothek zu sehen, saß er vergraben in einem Wust vonarabischen Manuskripten, und eS war schmerzlich anzusehen, wie erseine kranken, blassen Augen mit der Entzifferung des phantastischgeschnörkclten Abrakadabra anstrengte. Er war Kustos in besagterBibliothek, und er ist jetzt nicht mehr imstande, dieses kleine Amt zuverwalten. Hauptsächlich mit dem Ertrag seiner littcrarischcn Arbeitenbestritt er den Unterhalt einer zahlreichen Familie. Blindheit istwohl die härteste Heimsuchung, die einen deutschen Gelehrten treffenkann. Sie trifft diesmal die bravste Seele, die gefunden werden mag:Münk ist uneigennützig bis zum Hochmut, und bei all seinem reichenWissen von einer rührenden Bescheidenheit. Er trägt gewiß seinSchicksal mit stoischer Fassung und religiöser Ergebung in den Willendes Herrn.

Aber warum muß der Gerechte so viel leiden auf Erden? Warummuß Talent und Ehrlichkeit zu Grunde gehen, während der schwadro-nierende Hanswurst, der gewiß seine Augen niemals durch arabischeManuskripte trüben mochte, sich räkelt ans den Pfühlen des Glücksund fast stinkt vor Wohlbehagen? Das Buch Hiob löst nicht dieseböse Frage. Im Gegenteil, dieses Buch ist das Hohelied der Skepsis,und es zischen und pfeifen darin die entsetzlichen Schlangen ihr ewiges:Warum? Wie kommt es, daß bei der Rückkehr aus Babylon diefromme Teinpelarchiv-Kommission, deren Präsident Esra war, jenesBuch in den Kanon der heiligen Schriften aufgenommen? Ich habemir oft diese Frage gestellt. Nach meinet» Vermuten thaten solchesjene gottcrleuchteten Männer nicht aus Unverstand, sondern weil siein ihrer hohen Weisheit wohl wußten, daß der Zweifel in der mensch-