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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
85
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Loevc-Vcimars. 83

lichcn Natur tief begründet und berechtigt ist, und daß mau ihn alsonicht täppisch ganz unterdrücke», sonder» nur heilen mich, Sie ver-fuhren bei dieser Kur ganz homöopathisch, durch das Gleiche ans dasGleiche wirkend, aber sie gaben keine homöopathisch kleine Dosis, siesteigerten vieliuehr dieselbe aufs ungeheuerste, und eine solche nber-starke Dosis von Zweifel ist das Buch Hiob; dieses Gift durfte nichtfehlen in der Bibel, in der großen Hausapotheke der Menschheit.Ja, wie der Mensch, wenn er leidet, sich ausweinen muß, so mußer sich auch anszwcifeln, wenn er sich grausam gekränkt fühlt inseinen Ansprüchen auf LebenSglück! und wie durch das heftige Weinen,so entsteht auch durch den höchsten Grad des Zweifels, den die Deutschenso richtig die Verzweiflung nennen, die Krisis der moralischen Heilung. Aber wohl demjenigen, der gesund ist und keiner Medizin bedarf!

Loeve-Oeimars.

Als ich das llberschungstalcnt des seligen Locve-Veimars fürverschiedene Artikel bcnntzte, mußte ich bewundern, wie derselbe währendsolcher Kollaboration nur nie meine Unkenntnis der französischenSprachgewohuheitcn oder gar seine eigene linguistische Überlegenheitfühlen ließ. Wen» wir nach lnngstiindigem Zusammenarbeiten endlicheinen Artikel zu Papier gebracht hatten, lobte er meine Vertrautheitmit dem Geiste dcS französischen JdioinS so crusthaftig, so scheinbarerstaunt, daß ich am Ende wirklich glauben mußte, alles selbst über-seht zu haben, um so mehr, da der feine Schmeichler sehr oft ver-sicherte, er verstünde das Deutsche nur sehr wenig.

Es war in der That eine sonderbare Marotte von Locvc-BcimarS,daß derselbe, der das Deutsche ebensogut verstand, wie ich, dennochallen Leuten versicherte, er verstünde kein Deutsch. In den ebenerschienenenMemoiren eines Bourgeois de Paris" befindet sich indieser Beziehung eine sehr ergötzliche Anekdote.

Mit großem Leidwesen habe ich erfahren, daß Locve Beimars,der unlängst gestorben, von seinen Nekrologen in der Presse sehr»»glimpflich besprochen worden, und daß sogar der alte Kamerad,der lange Zeit jeden Morgen sein brillanter Nebenbuhler war, mehrNesseln als Blumen auf sein Grab gestreut hat. Und was hatte er

*) vr. L. Vöron erzählt nämlich ans S. 97 des dritten Bandes seiner obenerwähnten Memoiren, er habe einst die berühmte Tänzerin Fanny Elster znTische geladen und Herrn Loeve-Veimars den Platz neben ihr angewiesen, mitder Bemerkung:Sie können deutsch reden." Loeve-Veimars antwortete lachend:Ich verstehe kein Wort Deutsch, aber Fräulein Elster versteht Französisch, undich behalte meinen Platz." Anm. des Herausgebers.