Ludwig Marcus. 83
zu Paris; cS ging ihm gut, ja sogar einer seiner Licblingswünschcwar in Erfüllung gegangen; er besaß eine kleine Wohnung mit eigenenMöbeln, und zwar in der Nähe der Bibliothek! Ein Verwandter,ein Schwestersohn, besucht ihn hier eines Abends, und kann sich nichtgenug darüber wundern, daß der Oheim sich plötzlich auf die Erdesetzt und mit wilder, trotziger Stimme die scheußlichsten Gassenliedcrzu singen beginnt. Er, der nie gesungen, und in Wort und Tonimmer die Keuschheit selbst war! Aber die Sache ward noch grauen-haft befremdlicher, als der Oheim zornig cmporsprang, das Fensteraufstieß und erst seine Uhr zur Straße hinabschmiß, dann seineManuskripte, Tintenfaß, Federn, seine Geldbörse. Als der Neffe sah,daß der Oheim das Geld zum Fettster hinauSwars, konnte er nichtlänger an seinem Wahnsinn zweifeln. Der Unglückliche ward in dieHeilanstalt deS Or. Pinnel zu Chaillot gebracht, wo er nach vierzehnTagen unter schauderhaften Leiden den Geist aufgab. Er starb am15. Julius, und ward am 17. ans dem Kirchhof Montmartre be-graben. Ich habe leider seinen Tod zu spät erfahren, als daß ichihm die letzte Ehre erweisen konnte. Indem ich heute diese Blätterseinem Andenken widme, wollte ich daS Versäumte nachholen undgleichsam im Geist an seinem Leichenbegängnis teilnehmen.
Jetzt aber öffnet mir noch einmal den Sarg, damit ich nachaltem Brauch den Toten um Verzeihung bitte für den Fall, daß ichihn etwa im Leben beleidigt. — Wie ruhig der kleine Marcus jetztaussieht! Er scheint darüber zu lächeln, daß ich seine gelehrtenArbeiten nicht besser gewürdigt habe. Daran mag ihm wenig gelegensein, denn hier bin ich ja doch kein so kompetenter Richter wie etwasein Freund S. Münk, der Orientalist, der mit einer umfassendenBiographie des Verstorbelten und mit der Herausgabc seiner hintcr-Ktssenen Werke beschäftigt sein soll.
Spatere Note.
tJm März rsst.Z
Da ich mich immer einer guten Gesinnung und eines ebensoguten Stiles beflissen, so genieße ich die Genngthunng, daß ich eswagen darf, unter dein ansprnchvollen Namen „Denkworte" die vor-stehenden Blätter hier mitzuteilen, obgleich sie anonym für das Tages-bcdürfnis der AugSbnrger „Allgemeinen Zeitung" bereits vor zehnJahren geschrieben worden. Seit jener Zeit hat sich vieles in Deutsch-land verändert, und auch die Frage von der bürgerlichen Gleichstellungder Bekenner des mosaischen Glaubens, die gelegentlich in obigenBlättern besprochen ward, hat seitdem sonderbare Schicksale erlitten.Im Frühling de? Jahres 1848 schien sie auf immer erledigt, aber,
6*