82 Vermischte Schriften.
Nachfolger die ganze Besoldung. Seine Uneigennützigkeit ist hier »msv merkwürdiger, da er damals blutarm in rührender Dürftigkeit seinLeben fristete. Es ging ihm sogar sehr schlecht, und ohne die Engel-Hilfe einer schonen Frau wäre er gewiß im darbenden Elend ver-kommen. Ja, es war eine sehr schöne und große Dame von Paris,eine der glänzendste» Erscheinungen des hiesigen Weltlebens, die,als sie von dem wunderlichen Kauz hörte, in die Dunkelheit seineskümmerlichen Lebens hinabstieg und mit anmutiger Zartsinnigkeitihn dahin zu bringen wußte, einen bedeutenden Jahrgchalt von ihranzunehmen. Ich glaube, seinen Stolz zähmte hier ganz besondersdie Aussicht, daß seine Gönncrin, die Gattin des reichsten Bankiersdieses Erdballs, späterhin sein großes Werk ans ihre Kosten druckenlassen werde. Einer Dame, dachte er, die wegen ihres Geistes undihrer Bildung sv viel gerühmt wird, müsse doch sehr viel daran ge-legen sein, daß endlich eine gründliche Geschichte von Abessinien ge-schrieben werde, und er fand es ganz natürlich, daß sie dem Autordurch einen Jahrgehalt seine große Mühe und Arbeit zu vergüten suchte.
Die Zeit, während welcher ich den guten Marcus nicht gesehen,etwa fünfzehn Jahre, hatte auf sein Äußeres eben nicht verschönerndgewirkt. Seine Erscheinung, die früher ans Possierliche streifte, warjetzt eine entschiedene Karikatur geworden, aber eine angenehme, lieb-liche, ich möchte fast sagen: erquickende Karikatur. Ein spaßhaftwehmütiges Ansehen gab ihm sein von Leiden durchfurchtes Grciscn-gesicht, worin die kleinen pechschwarzen Äuglein vergnüglich lebhaftglänzten, und gar sein abenteuerlicher, fabelhafter Haarwuchs! DieHaare nämlich, welche früher Pechschwarz und anliegend gewesen,waren jetzt ergraut, und umgaben in krauser aufgesträubter Fülledas schon außerdem unverhältnismäßig große Haupt. Er glich svziemlich jenen brcitköpfigcn Figuren mit dünnem Leibchen und kurzenBeinchcn, die wir ans den Glasscheiben eines chinesischen Schatten-spiels sehen. Besonders wenn mir die zwerghafte Gestalt in Gesell-schaft seines Kollaborators, des ungeheuer großen und stattlichenProfessors DuiSberg ans den Boulevards begegnete, jauchzte mir derHumor in der Brust. Einem meiner Bekannten, der mich fragte, werder Kleine wäre, sagte ich, es sei der König von Abessinien, unddieser Name ist ihm bis an sein Ende geblieben. Hast du mir des-halb gezürnt, teurer, guter Marcus? Für deine schöne Seele hätteder Schöpfer wirklich eine bessere Envcloppe erschaffen können. Derliebe Gott ist aber zu sehr beschäftigt; manchmal, wenn er eben imBegriff ist, der edlen Perle eine prächtig melierte Goldfassnng zuverleihen, wird er plötzlich gestört, und er wickelt das Juwel geschwindin das erste, beste Stück Fließpapier oder Läppchen — anders kannich mir die Sache nicht erklären.
Ungefähr fünf Jahre lebte Marcus im weisesten Seelenfrieden