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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
79
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Ludwig Marcus. 79

Hcgelschen Philosophie, und in der Rechtsgelahrtheit kämpfte er zer-malmend gegen jene Lakaien des altrvmischcn Rechts, welche, ohneAhnung von dem Geiste, der in der alten Gesetzgebung einst lebte,nur damit beschäftigt sind, die hinterlassen? Garderobe derselben aus-znstäuben, von Motten zu säubern, oder gar zu modernem Gebrauchezurechtzuflicken. Gans fuchtelte solchen Servilismus selbst in seinerelegantesten Livree. Wie wimmert unter seinen Fußtritten die armeSeele des Herrn von Saviguy! Mehr noch durch Wort als durchSchrift förderte Gans die Entwickelung des deutschen Freiheitssinnes,er entfesselte die gebundensten Gedanken und riß der Lüge die Larveab. Er war ein beweglicher Feuergeist, dessen Witzfunken vortrefflichzündeten, oder wenigstens herrlich leuchteten. Aber den trübsinnigenAusspruch des Dichters (im zweiten Teile desFaust"):

Alt ist das Wort, doch bleibet hoch und wahr der Sinn,Daß Scham und Schönheit nie zusammen, Hand in Hand,Den Weg verfolgen über der Erde grünen Pfad.

Tief eingewurzelt wohnt in beiden alter Haß,

Daß, wo sie immer auch des Weges sichBegegnen, jede der Gegnerin den Rücken kehrt"

dieses fatale Wort müssen wir auch auf das Verhältnis der Genia-lität zur Tugend anwenden, diese beiden leben ebenfalls in bestän-digem Hader und kehren sich manchmal verdrießlich den Rücken. MitBekümmernis muß ich hier erwähnen, daß Gans in Bezug auf denerwähnten Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums nichtsweniger als tugendhaft handelte, und sich die unverzeihlichste Feloniezu schulden kommen ließ. Sein Abfall war um so widerwärtiger,da er die Nolle eines Agitators gespielt und bestimmte Präsidial-pflichten übernommen hatte. ES ist hergebrachte Pflicht, daß derKapitän immer der letzte sei, der das Schiff verläßt, wenn dasselbescheitert Gans aber rettete sich selbst zuerst. Wahrlich in mora-lischer Beziehung hat der kleine Marcus den großen Gans überragt,und er konnte hier ebenfalls beklagen, daß Gans seiner Aufgabe nichtbesser gewachsen war.

Wir haben die Teilnahme des Marcus an dem Verein fürKultur und Wissenschaft des Judentums als einen Umstand bezeichnet,der uns wichtiger und denkwürdiger erschien, als all sein stnpendeSWissen und seine sämtlichen gelehrten Arbeiten. Ihm selber magebenfalls die Zeit, wo er den Bestrebungen und Illusionen jenesVereins sich hingab, als die sonnigste Blütenstunde seines kümmer-lichen Lebens erschienen sein. Deshalb mußte hier jenes Vereinesganz besonders Erwähnung geschehen, und eine nähere Erörterungseines Gedankens wäre wohl nicht überflüssig. Aber der Raum unddie Zeit und ihre Hüter gestatten in diesen Blättern keine solche aus-