78 Vermischte Schriften,
Kant, Bendavid war Zeit seines Lebens der eifrigste Anhänger derKantischcn Philosophie, für diese litt er in seiner Jugend die größtenVerfolgungen, und dennoch wollte er sich nie trennen von der altenGemeinde des mosaischen Bekenntnisses, er wollte nie die äußereGlanbenskvkarde ändern. Schon der Schein einer solchen Verlengnnng erfüllte ihn init Widerwillen und Ekel, Lazarus Bcndavldwar, wie gesagt, ein eingefleischter Kantianer, und ich habe damitauch die Schranken seines Geistes angedeutet. Wenn wir von HegelscherPhilosophie sprachen, schüttelte er sein kahles Haupt und sagte, dassei Aberglaube, Er schrieb ziemlich gut, sprach aber viel besser. Fürdie Zeitschrift des Vereins lieferte er einen merkwürdigen Aufsaßüber den Mcssiasglauben bei den Juden, worin er mit kritischemScharfsinn zu beweisen suchte, daß der Glaube an einen Messiasdurchaus nicht zu den Fnndamentalartikeln der jüdischen Religion ge-höre, und nur als zufälliges Beiwerk zu betrachten sei.
Das thätigste Mitglied des Vereins, die eigentliche Seele des-selben, war M, Moser, der vor einigen Jahren starb, aber schon imjugendlichsten Alter nicht bloß die gründlichsten Kenntnisse besaß,sondern auch durchglüht war von dem großen Mitleid für dieMenschheit, von der Sehnsucht, das Wissen zu verwirklichen in heil-samer That, Er war unermüdlich in philanthropischen Bestrebungen,er war sehr praktisch und hat in scheinloser Stille an allen Liebcs-werkcn gearbeitet. Das große Publikum hat von seinem Thun undSchaffen nichts erfahren, er focht und blutete inkognito, sein Nameist ganz unbekannt geblieben, und steht nicht eingezeichnet in demAdrcßkalender der Selbstaufopferung, Unsere Zeit ist nicht so ärmlich,wie man glaubt; sie hat erstaunlich viele solcher anonymen Märtyrerhervorgebracht.
Der Nekrolog deS verstorbenen Marcus leitete mich unwillkürlichzu dem Nekrolog des Vereins, zu dessen ehrenwertesten Mitgliederner gehörte, und als dessen Präsident der schon erwähnte, jetzt ebenfallsverstorbene Eduard Gans sich geltend inachte. Dieser hochbegabteMann kann am wenigsten in Bezug auf bescheidene Selbstaufopferung,ans anonymes Mttrlyrerlnm gerühmt werden. Ja, wenn auch seineSeele sich rasch und weit erschloß für alle Heibchragen der Menschheit,so ließ er doch selbst im Rausche der Begeisterung niemals die Pcr-svnalintcressen außer acht. Eine witzige Dame, zu welcher Gans oftdes Abends zum Thee kam, machte die richtige Bemerkung, daß erwährend der eifrigsten Diskussion und trotz seiner großen Zerstreut-heit dennoch, nach dem Teller der Butterbrote hinlangend, immerdiejenigen Butterbrote ergreife, welche nicht mit gewöhnlichem Käse,sondern mit frischem Lachs bedeckt waren.
Die Verdienste des verstorbenen Gans uni deutsche Wissenschaftsind allgemein bekannt. Er war einer der rührigsten Apostel der