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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
77
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Ludwig Marcus.

wcscu wie die Helena von Sparta. Jedenfalls hat sie ein ähnlichesSchicksal nach dem Tode, da es verliebte Rabbiner gicbt, die sie durchkabbalistische Zauberkunst auS dem Grabe zu beschwören wissen; nursind sie manchmal übel daran mit der beschworenen Schonen, die dengroßen Fehler hat, daß sie, wo sie sich einmal hingesetzt, gar zu langesitzen bleibt. Man kann sie nicht los werden.

Ich habe bereit? angedeutet, daß irgend ein Interesse der jüdischenGeschichte immer letzter Grund und Antrieb war bei den gelehrtenArbeiten des seligen MarcuS; inwieweit dergleichen auch bei seinenabcssinischen Studien der Fall war, und wie auch diese ihn ganzfrühzeitig in Anspruch genommen, ergicbt sich unabweisbar aus einemArtikel, den er schon damals zu Berlin in derZeitschrift für Kulturund Wissenschaft des Judentums" abdrucken ließ. Er behandeltnämlich darin die Bcschneidnng bei den Abessinierinnen. Wie herz-lich lachte der verstorbene Gans, als er mir in jenem Aufsatze dieStelle zeigte, wo der Verfasser den Wunsch aussprach, es möchtejemand diesen Gegenstand bearbeiten, der demselben besser gewachsen sei.

Die äußere Erscheinung des kleinen Mannes, die nicht seltenzum Lachen reizte, verhinderte ihn jedoch keineswegs, zu den ehren-wertesten Mitgliedern jener Gesellschaft zu zählen, welche die oben-erwähnte Zeitschrift herausgab, und eben unter dem Namen:Vereinfür Kultur und Wissenschaft des Judentums" eine hochfliegend große,aber unausführbare Idee verfolgte. Geistbegnbte und ticsherzigeMänner versuchten hier die Rettung einer längst verlorenen Sache,und es gelang ihnen höchstens, auf den Walstätten der Vergangen-heit die Gebeine der älteren Kämpfer aufzufinden. Die ganze Aus-beute jenes Vereins besteht in einigen historischen Arbeiten, in Ge-schichtsforschungen, worunter namentlich die Abhandlungen deS vr.Znnz über die spanischen Inden im Mittelalter zu den Merkwürdig-keiten der höheren Kritik gezählt werden müssen.

Wie dürfte ich Vvn jenem Vereine reden, ohne dieses vortreff-lichen Zunz zu erwähnen, der in einer schwankenden Übergangs-periode immer die unerschütterlichste llnwandelbarkcit offenbarte, undtrotz seinem Scharfsinn, seiner Skepsis, seiner Gelehrsamkeit, dennochtreu blieb dem selbst gegebenen Worte, der großmütigen Grille seinerSeele. Mann der Rede und der That, hat er geschaffen und gewirkt,wo andere träumten und mutlos hinsanken.

Ich kann nicht umhin, auch hier meinen lieben Bendavid zuerwähnen, der mit Geist und Charakterstärke eine großartig UrbaneBildung vereinigte und, obgleich schon hochbejahrt, an den jugend-lichsten Jrrgedanken des Vereins teilnahm. Er war ein Weiser nachantikem Zuschnitt, umflossen vom Sonnenlicht griechischer Heiterkeit,ein Standbild der wahrsten Tugend, und pflichtgehärtct wie derMarmor des kategorischen Imperativs seines Meisters Immanuel