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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
76
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76 Vermiete Schriften.

nach Hanse zurück zu der Leidensgeschichte Israels, zu der Schädcl-stätte Jerusalems und zu dem kleineu Väterdialekt Palästinas, umdessentwillcn er vielleicht die semitischen Sprachen mit größerer Vor-liebe als die andern betrieb. Dieser Zug war wohl der hervor-stechend wichtigste im Charakter des Ludwig Marens, und er giebtihm seine Bedeutung und sein Verdienst; denn nicht bloß das Thun,nicht bloß die Thatsache der hinterlasseneu Leistung giebt nus einRecht auf ehrende Anerkennung nach dem Tode, sondern auch dasStreben selbst, und gar besonders das unglückliche Streben, das ge-scheiterte, fruchtlose, aber großmütige Wollen.

Andere werden vielleicht das erstaunliche Wissen, das der Vcrstorbene in seinem Gedächtnis aufgestapelt hatte, ganz besondersrühmen und preisen; für uns hat dasselbe keinen sonderlichen Wert.Wir konnten überhaupt diesem Wissen, ehrlich gestanden, niemalsGeschmack abgewinnen. Alles, was Marcus wußte, wußte er nichtlebendig organisch, sondern als tote Geschicklichkeit, die ganze Naturversteinerte "sich ihm, und er kannte im Grunde nur Fossilien undMumien. Dazu gesellte sich eine Ohnmacht der künstlerischen Ge-staltung, und wenn er etwas schrieb, war es ein Mitleid, anzusehen,wie er sich vergebens abmühte, für das Darzustellende die notwendigsteForm zu finden. Ungenießbar, unverdaulich, abstrus waren daherdie Artikel und gar die Bücher, die er geschrieben.

Außer einigen linguistischen, astronomischen und botanischenSchriften, hat Marcus eine Geschichte der Bandalen in Afrika, undin Verbindung mit dem Professor Duisburg eine nordafrikanischeGeographie herausgegeben. Er hinterläßt in Manuskript ein un-geheuer großes Werk über Abessinien, welches seine eigentliche Lebens-arbeit zn sein scheint, da er sich schon zu Berlin mit Abessinien be-schäftigt hatte. Nach diesem Lande zogen ihn wohl zunächst die Unter-suchungen über die Falaschas, einen jüdischen Stamm, der lange inden abessinischcu Gebirgen seine Unabhängigkeit bewahrt hat. Ja,obgleich sein Wissen sich über alle Weltgegendcn verbreitete, so wußteMarcus doch am besten Bescheid hinter den Mvndgcbirgen Äthiopiens,an den verborgenen Quellen des Nils, und seine größte Freude war,den Bruce oder gar den Hassclgnist auf Irrtümern zu ertappe». Ichmachte ihn einst glücklich, als ich ihn bat, mir aus arabischen undtalmudischen Schriften alles zn kompilieren, was auf die Königinvon Saba Bezug hat. Dieser Arbeit, die sich vielleicht noch untermeinen Papieren befindet, verdanke ich es, daß ich noch zu heutigerStunde weiß, weshalb die Könige von Abessinien sich rühmen, ausdem Stamme David entsprossen zu sein' sie leiten diese Abstammungvon dem Besuch her, den ihre Ältermuiter, die besagte Königin vonSaba, dem weisen Salvmo zu Jerusalem abgestattet. Wie ich ausbesagter Kompilation ersah, ist diese Dame gewiß ebenso schön ge-