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Vermischte Schriften.
Wer sind jene Götter?
Ich weiß nicht, wie sie heißen, jedoch die großen Dichter nndWeisen aller Jahrhundertc haben sie längst verkündigt. Sie sindjetzt noch geheimnisvoll verhüllt; aber in ahnenden Träumen wageich es zuweilen, ihren Schleier zu lüften, und alsdann erblicke ich , , .Ich kann es nicht aussprechen, denn bei diesem Anblick durchzucktmich immer ein stolzer Schreck, und er lähmt meine Zunge. Ach!ich bin ja noch ein Kind der Vergangenheit, ich bin noch nicht ge-heilt von jener knechtischen Demut, jener knirschenden Selbstverach-tung, woran das Menschengeschlecht seit anderthalb Jahrtausendensiechte, und die wir mit der abergläubischen Muttermilch eingesogen . . .Ich darf es nicht aussagen, was ich geschaut . . . Aber unsere ge-sünderen Nachkommen werden in freudigster Ruhe ihre Göttlichkeitbetrachten, bekennen und behaupten. Sic werden die .Krankheit ihrerVäter kaum begreifen können. Es wird ihnen wie ein Märchenklingen, wenn sie hören, daß weiland die Menschen sich alle Genüssedieser Erde versagten, ihren Leib kasteiten und ihren Geist ver-dampften, Mädchenbliiten und Jünglingsstolz abschlachteten, beständiglogen und greinten, das abgeschmackteste Elend duldeten ... ichbrauche wohl nicht zu sagen, wem zu Gefallen.
In der That, unsere Enkel werden ein Ammenmärchen zu ver-nehmen meinen, wenn man ihnen erzählt, was wir geglaubt nndgelitten! Und sie werden uns sehr bemitleiden! Wenn sie einst, einefreudige Götterversammlung, in ihren Tempelpalästeu sitzen, um denAltar, den sie sich selber geweiht haben, und sich von alten Mensch-heitsgeschichten unterhalten, die schönen Enkel, dann erzählt vielleichteiner der Greise, daß es ein Zeitalter gab, in welchem ein Toter alsGott angebetet und durch ein schauerliches Leichenmahl gefeiert ward,wo man sich einbildete, das Brot, welches mau esse, sei sein Fleisch,und der Wein, den man trinke, sei sein Blut. Bei dieser Erzählungwerden die Wangen der Frauen erbleichen und die Blumenkränzesichtbar erbeben auf ihren schönlvckichteu Häuptern. Die Männeraber werden neuen Weihrauch auf den Herd-Altar streuen, um durchWohlduft die düsteren, unheimlichen Erinnerungen zu verscheuchen.
5 e. .
Geschrieben zu Paris, am Charfreitage 1847.
Heinrich Heine.