Vorwort zu A, Wcills Sitteiigemülde» a. d. elsässischen Volksleben. 63
geschrieben. Unbckanntschaft mit den Meisterlverken der Tagcsschrift-stellerei jenseits des Vater Rheins hindert nns, hierüber ein selbst-ständig eigenes Urteil zu fällen.
Dem Genre selbst, der Dorfnovcllistik, möchten lvir übrigenskeine bedeutende Stellung in der Litteratnr anweisen, und was diePriorität der Hervorbringnng betrifft, so überschätzen wir ebenfallsnicht dieses Verdienst. Die Hauptsache ist und bleibt, daß die Arbeit, dieuns vorliegt, in ihrer Art gut und gelungen ist, und in dieser Beziehungzollen wir ihr das ehrlichste Lob und die freundlichste Anerkennung.
Herr Weill ist freilich keiner jener Dichter, die mit angeborenerBcgabnis für plastische Gestaltung ihre stillsinnig harmonische Kunst-gebilde schaffen, aber er besitzt dagegen in übersprudelnder Fülle eineseltene Urspriinglichkcit des Fühlens und Denkens, ein leicht erreg-bares, enthusiastisches Gemüt und eine Lebhaftigkeit des Geistes, dieihm im Erzählen und Schildern ganz wunderbar zu statten kommtund seinen litterarisehcn Erzengnissen den Charakter eines Natur-produkts verleiht. Er ergreift das Leben in jeder momentanen Äuße-rung, er ertappt es ans der That, und er selbst ist, sozusagen, einpassioniertes Dagncrrevtyp, das die Erscheinungsmelt mehr oderminder glücklich und manchmal, nach den Launen des Zufalls, poetischabspiegelt. Dieses merkwiirdige Talent, oder, besser gesagt, diesesNaturell bekundet sich auch in den übrigen Schriften des Herrn Weill,namentlich in seinem jüngsten Geschichtsbuchs über den Bauernkriegund in seinen sehr interessanten, sehr pikanten und sehr tnmultun-rischen Aufsätzen, wo er für die große Sache unserer Gegenwart aufslöblich tollste Partei ergreift. Hier zeigt sich unser Autor mit allenseinen socialen Tugenden und ästhetischen Gebrechen-, hier sehen lvirihn in seiner vollen agitatorischen Pracht und Lückenhaftigkeit. Hierist er ganz der zerrissene, europamlldc Sohn der Bewegung, der dieUnbehagnisse und Ekcltümer unserer heutigen Wcltvrdnnng nichtmehr zu ertragen weiß, und hinausgalvppiert in die Zukunft, aufdem Rücken einer Idee . . .
Ja, solche Menschen sind nicht allein die Träger einer Idee,sondern sie werden selbst davon getragen, und zwar als gezwungeneReiter ohne Sattel und Zügel: sie sind gleichsam mit ihrem nacktenLeibe festgebunden an die Idee, wie Mazeppa an seinem wildenRosse auf den bekannten Bildern des Horaee Vernet — sie werdendavon fortgeschleift, durch alle fürchterlichen Konsequenzen, durch alleSteppen und Einöden, über Stock und Stein — das Dornengestrüppezerfleischt ihre Glieder — die Waldesbcstien schnappen nach ihnen imVorüberjagen — ihre Wunden bluten — wo werden sie zuletzt an-langen? Unter Konischen Kosaken, wie ans dem Vermischen Bilde?Oder an dem Goldgitter der glückseligen Gärten, wo da wandelnjene Götter . . .