Thomas NcynoldS.
ö5
Thomas Reynolds.
(November 1341.)
Waverley von Walter Scott ist männicstich bekannt, und wäh-rend dieser Roman die rohe Menge durch stoffartigcs Interesse unter-hält, entzückt er den gebildeten Leser durch die Behandlung, durcheine Form, welche an Einfachheit unvergleichbar ist, und dennoch dengrößten Reichtum an Entfaltungen darbietet. An diese unübertreff-liche, ergiebige Form erinnert uns das Buch, das unserer heutigenBesprechung vorliegt und von den hier lebenden Landsleuten desVerfassers so verschiedenartig beurteilt wird. Es ist voriges Jahrzugleich in London bei Lvngman und hier in Paris in der eng-lischen Buchhandlung der Rue neuve St. Augustin erschienen undführt den Titelt „ll'Irs tilg ot''llllonms ksvnolcls, Lsg., dz-bis son'I'üonras Us^noläs." Sonderbar! die oberwtthutc Forin, welche Scottdem feinsten Kalkül seines künstlerischen Talents verdankte, findetsich auch in diesem Buche, aber als ein Produkt der Natur, als einganz unmittelbares Ergebnis des Stoffes. Letzterer ist hier, ganzwie in dem Scottschen Roman, eine verunglückte Empörung, undwie bei dem Schilderheben der schottischen Hochländer, sehen wir auchhier in dem irischen Aufstand einen etwas schwachmütigen Helden,der fast passiv von den Ereignissen hin und her geschleudert wird;nur daß der große Dichter seinem Waverley durch die liebenswür-digsten Ausschmückungen die Sympathie der Leserwelt aufs reich-lichste zuwandte, was leider der Biograph des Thomas Reynolds fürdiesen nicht thun konnte, eben weil er keinen Roman, sondern einewahre Geschichte schrieb. Ja, er beschrieb das Leben seines Heldenmit einer so unerquicksamen Wahrheitsliebe, er berichtete die pein-lichsten Thatsachen in einer so grellen Nacktheit, daß den Leser dabeimanchmal eine fast schauerliche Mißstimmung anwandelt. Es ist derSohn, welcher hier das treue Bild seines Vaters zeichnet, aber selbstdie unschönen Züge desselben so sehr liebt, daß er sie durch keine er-logene Zuthat idealisieren und somit dem ganzen Porträt seine teuereÄhnlichkeit rauben will. Er besitzt eine so hohe Meinung von demCharakter seines Vaters, daß er es verschmäht, selbst die unrühm-lichsten Handlungen einigermaßen zu verblümen; diese sind für ihnnur betrübsame Konsequenzen einer falschen Position, nicht desWillens. Es herrscht ein schrecklicher Stolz in diesem Buche, nichtssoll verheimlicht, nichts soll bemäntelt werden; aber die Umstünde,die seinen Vater in die verhängnisvollste Lage hineintrieben, dieMotive seines Thuns und Lassens, die Verleumdungen des Partei-
Heine's Werke. XII. Bd. 5