Vorwort zu A. lveills „Ättengemälden
aus dem elsSWchen Volksleben."
(1847.)
Herr A. Weill, der Verfasser der elsttssischcn Idyllen, denen nureinige Geleitzeilcn widmen, behauptet, daß er der erste gewesen, derdieses Genre auf den deutschen Büchermarkt gebracht. Es hat mitdieser Behauptung vollkommen seine Richtigkeit, wie uns Freundeversichern, die sich zugleich dahin aussprechen, als habe der erwähnteAutor nicht bloß die erstell, sondern auch die besten Dorfuovellcn
62 Vermischte Schriften.
Berger in Chodvwicckis Sinn radiert, die Bertuchsche Übersetzungbegleiteten. Es sind vortreffliche Sachen darunter. Der falsche thea-tralisch-konventionelle Begriff, den der Künstler, wie seine übrigenZeitgenossen, vom spanischen Kostüme hatte, hat ihm sehr geschadet.Man sieht aber überall, daß Chvdowiccki den Don Quixote voll-kommen verstanden hat. Das hat mich gerade bei diesem Künstlergefreut und war nur um seinetwillen wie des Cervantes wegen lieb.Denn es ist mir immer angenehm, wenn zwei meiner Freunde sichlieben, wie cS nach auch stets freut, wenn zwei meiner Feinde auf-einander losschlagen. Chvdowieckis Zeit, als Periode einer sich erstbildenden Litteratur, die der Begeisterung noch bedurste und Satireablehnen mußte, war dem Verständnisse des Don Quixote eben nichtgünstig, und da zeugt es denn für Cervantes, daß seine Gestaltendamals dennoch verstanden wurden und Anklang fanden, wie es fürChvdowiccki zeugt, daß er Gestalten wie Don Quixote und SanchoPausa begriff, er, welcher mehr als vielleicht je ein anderer Künstlerdas Kind seiner Zeit war, in ihr wurzelte, nur ihr angehörte, vonihr getragen, verstanden und anerkannt wurde.
Von neuesten Darstellungen zum Don Quixote erwähne ich mitVergnügen einige Skizzen von Decamps, dem originellsten aller leben-den französischen Maler. — Aber nur ein Deutscher kann den DonQuixote ganz verstehen, und das fühlte ich dieser Tage in erfrentesterSeele, als ich an den Fenstern eines Bilderladens ans dem BoulevardMontmartre ein Blatt sah, welches den edeln Manchaner in seinemStudierzimmer darstellt, und nach Adolf Schröter, einem großenMeister, gezeichnet ist.
Geschrieben zu Paris, im Karneval 18S7.
Heinrich Heine.