58 Vermischte Schriften.
sich nicht bestimmen nach Pfund und Unze. Nur platter Krämersinukommt mit seiner schäbigen Käsewage und will den Genius wägen.Nicht bloß die alten, sondern auch manche neuere haben Dichtungengeliefert, worin die Flamme der Poesie ebenso prachtvoll lodert, wiein den Meisterwerken von Shakespeare, Cervantes und Goethe. Jedochdiese Namen halten zusammen, wie durch ein geheimes Band. Esstrahlt ein verwandter Geist aus ihren Schöpfungen; es weht darineine ewige Milde, wie der Atem Gottes; es blüht darin die Be-scheidenheit der Natur. Wie an Shakespeare, erinnert Goethe auchbeständig an Cervantes, und diesem ähnelt er bis in die Einzel-heiten des Stils, in jeuer behaglichen Prosa, die von der süßestenund harmlosesten Ironie gefärbt ist. Cervantes und Goethe gleichensich sogar in ihren Untugenden, in der Weitschweifigkeit der Rede, injenen langen Perioden, die wir zuweilen bei ihnen finden, und dieeinem Aufzug königlicher Eguipagen vergleichbar. Nicht selten sitztnur ein einziger Gedanke in so einer breitansgedehntcn Periode, diewie eine große vergoldete Hvfkutsche mit sechs panachierten Pferdengravitätisch dahinfährt. Aber dieser einzige Gedanke ist immer etwasHohes, wo nicht gar der Souverän.
Über den Geist des Cervantes und den Einfluß seines Bucheshabe ich nur mit wenigen Andeutungen reden können. Über deneigentlichen Kunstwerk seines Romans kann ich mich hier noch wenigerverbreiten, indem Erörterungen zur Sprache kämen, die allzuweitins Gebiet der Ästhetik hinabführen würden. Ich darf hier ans dieForm seines Romans und die zwei Figuren, die den Mittelpunktdesselben bilden, nur im allgemeinen aufmerksam machen. Die Formist nämlich die der Reisebeschreibnng, wie solches von jeher die natür-lichste Form für diese Dichtnngsart. Ich erinnere hier nur an dengoldenen Esel des Apnlcjus, den ersten Roman des Altertums. DerEinförmigkeit dieser Form haben die späteren Dichter durch das, wasnur heute die Fabel des Romans nennen, abzuhelfen gesucht. Aberwegen Armut an Erfindung haben jetzt die meisten Romanschreiberihre Fabeln voneinander geborgt, wenigstens haben die einen mitwenig Modifikationen immer die Fabeln der anderen benutzt, unddurch die dadurch entstehende Wiederkehr derselben Charaktere, Situa-tionen und Verwicklungen ward dem Publikum am Ende die Roman-lektüre einigermaßen verleidet. Um sich vor der Langweiligkeit ab-gedroschener Nomnnfabcln zu retten flüchtete man sich für einigeZeit in die uralte, ursprüngliche Form der Reisebeschreibung. Diesewird aber wieder ganz verdrängt, sobald ein Originaldichter mitneuen, frischen Nomanfabeln auftritt. In der Litteratnr, wie in derPolitik, bewegt sich alles nach dem Gesetz der Aktion und Reaktion.
Was nun jene zwei Gestalten betrifft, die sich Don Qnixote nndSancho Pansa nennen, sich beständig parodieren nnd doch so wunder-