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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
57
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Einleitung zur Prachtausgabe des Dou Quixote.

er vielleicht jene grosse epische Seelenruhe, die wie ein Krystallhimmelseine bunten Dichtungen überwölbt; nirgends eine Spalte des Zweifels.Dazu koinnit noch die Ruhe des spanischen Nationalcharakters. WalterScott aber gehört einer Kirche, welche selbst die göttlichen Dinge einerscharfen Diskussion unterwirft; als Advokat und Schotte ist er ge-wöhnt an Handlung und Diskussion, und, wie in seinem Geiste undLeben, so ist auch in seinen Romanen das Dramatische vorherrschend.Seine Werke können daher nimmermehr als reines Muster jenerDichtungsart, die wir Roman nennen, betrachtet werden. DenSpaniern gebührt der Ruhm, den besten Roman hervorgebracht zuhaben, wie man den Engländern den Ruhm zusprechen muß, daßsie im Drama das Höchste geleistet.

Und den Deutschen, welche Palme bleibt ihnen übrig? Nun,wir sind die besten Liederdichter dieser Erde. Kein Volk besitzt soschöne Lieder wie die Deutschen. Jetzt haben die Völker allzu vielepolitische Geschäfte; wenn aber diese einmal abgethan sind, wollenwir Deutsche, Briten, Spanier, Franzosen, Italiener, wir wollenalle hinausgehen in den grünen Wald und singen, und die Nachtigallsoll Schiedsrichterin sein. Ich bin überzeugt, bei diesem Wettgesaugewird das Lied von Wolfgnng Goethe den Preis gewinnen.

Cervantes, Shakespeare und Goethe bilden das Dichter-Triumvirat,das in den drei Gattungen poetischer Darstellung, im Epischen,Dramatischen und Lyrischen das Höchste hervorgebracht. Vielleichtist der Schreiber dieser Blätter besonders befugt, unseren großenLandsmann als den vollendetsten Liederdichter zu preisen. Goethesteht in der Mitte zwischen den beiden Ausartungen des Liedes, jenenzwei Schulen, wovon die eine leider mit meinem eigenen Namen,die andere mit dein Namen Schwabens bezeichnet wird. Beide frei-lich haben ihre Verdienste: sie förderten indirekterweisc das Gedeihender deutschen Poesie. Die crsterc bewirkte eine heilsame Reaktiongegen den einseitigen Idealismus im deutschen Liede, sie führte denGeist zurück zur starken Realität und entwurzelte jenen sentimentalenPetrarchismus, der uns immer als eine lyrische Donguixoterie er-schienen ist. Die schwäbische Schule wirkte ebenfalls indirekt zumHeile der deutschen Poesie. Wenn in Norddeutschland kräftig gesundeDichtungen zum Vorschein kommen konnten, so verdankt man diesesvielleicht der schwäbischen Schule, die alle kränkliche, bleichsüchtige,fromm-gemütliche Feuchtigkeiten der deutschen Muse an sich zog.Stuttgart war gleichsam die Fontanelle der deutschen Muse.

Indem ich die höchsten Leistungen im Drama, im Roman undim Liede dem erwähnten großen Triumvirate zuschreibe, bin ich weitdavon entfernt, an dem poetischen Werte anderer großer Dichter zumäkeln. Nichts ist thörichter als die Frage: welcher Dichter größersei als der andere? Flamme ist Flamme, und ihr Gewicht läßt