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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
55
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Einleitung zur Prachtansgabe des Don Quizote,

er eine Satire schrieb, die den älteren Roman zn Grunde richtete,lieferte er selber wieder das Vorbild zu einer neuen Dichtungsart,die wir den modernen Roman nennen. So pflegen immer großePoeten zu verfahren; sie begründen zugleich etwas Neues, indem siedas alte zerstören; sie negieren nie, ohne etwas zn bejahen, Cer-vantes stiftete den modernen Roman, indem er in den Ritterromandie getreue Schilderung der niederen Klassen einführte, indem er ihmdas Volksleben beimischte. Die Neigung, das Treiben des gemeinstenPöbels, des verworfensten Lumpenpacks zu beschreiben, gehört nichtbloß dem Cervantes, sondern der ganzen litterarischen Zcitgenossen-schaft, und sie findet sich, wie bei den Poeten, so auch bei den Malerndes damaligen Spanien; ein Murillo, der dem Himmel die heiligstenFarben stahl, womit er seine schönen Madonnen malte, konterfeitemit derselben Liebe auch die schmutzigsten Erscheinungen dieser Erde,Es war vielleicht die Begeisterung für die Kunst selber, wenn dieseedlen Spanier manchmal an der treuen Abbildung eines Bettel-jungen, der sich laust, dasselbe Vergnügen empfanden, wie an derDarstellung der hochgebenedeiten Jungfrau, Oder es war der Reizdes Kontrastes, welcher eben die vornehmsten Edellente, einen ge-schniegelten Hvfmann wie Quevedo oder einen mächtigen Ministerwie Mcndoza, antrieb, ihre zerlumpten Bettler- und Gannerromanezn schreiben; sie wollten sich vielleicht aus der Eintönigkeit ihrerStandesnmgebung durch die Phantasie in eine entgegengesetzte Lebcns-sphäre versetzen, wie wir dasselbe Bedürfnis bei manchen deutschenSchriftstellern finden, die ihre Romane nur mit Schilderungen dervornehmen Welt füllen und ihre Helden immer zn Grafen undBaronen machen. Bei Cervantes finden wir noch nicht diese ein-seitige Richtung, das Unedle ganz abgesondert darzustellen; er ver-mischt nur das Ideale mit dem Gemeinen, das eine dient dem andernzur Abschottung oder zur Beleuchtung, und das adeltümliche Elementist darin noch ebenso mächtig wie das volkstümliche. Dieses adel-tümliche, chcvnlcrcske, aristokratische Element verschwindet aber ganzin dem Roman der Engländer, dM den Cervantes zuerst nachgeahmtund ihn bis auf den heutigen Tag immer als Vorbild vor Augenhaben. Es sind prosaische Naturen, diese englischen Rvmandichtcrseit Richardsvns Regierung, der prüde Geist ihrer Zeit widerstrebtsogar aller kernigen Schilderung des gemeinen Volkslebens, und wirsehen jenseits des Kanals jene bürgerlichen Romane entstehen, worindas nüchterne Kleinleben der Bourgeoisie sich abspiegelt. Diese kläg-liche Lektüre iiberwnsserte das englische Publikum bis ans die letzteZeit, wo der große Schotte auftrat, der im Roman eine Revolutionoder eigentlich eine Restanration bewirkte. Wie nämlich Cervantesdas demokratische Element in den Roman hineinbrachte, als darinnur daS einseitig rittertümliche herrschend war, so brachte Walter