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12 (1898) Vermischte Schriften
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54 Vermischte Schriften.

gewiß ehrlich, wie der heilige Hieronymus, der seinen guten Stil füreine Sünde hielt und sich weidlich dafür geißelte.

Ebensowenig, wie antikatholische, finden wir auch antiabsolu-tistische Klange im Don Quixote. Kritiker, welche dergleichen darinwittern, sind offenbar im Irrtum. Cervantes war der Sohn einerSchule, welche den unbedingten Gehorsam für den Oberhcrrn sogarpoetisch idealisiert hatte. Und dieser Oberhcrr war König von Spa-nien, zu einer Zeit, wo die Majestät desselben die ganze Welt über-strahlte. Der gemeine Soldat fühlte sich im Lichtstrahl jener Majestätund opferte gern seine individuelle Freiheit für solche Befriedigungdes kastilianischen Nationalstolzcs.

Die politische Größe Spaniens zu jener Zeit mochte nicht wenigdas Gemüt seiner Schriftsteller erhöhen und erweitern. Auch imGeiste eines spanischen Dichters ging die Sonne nicht unter, wie imReiche Karls V. Die wilden Kämpfe mit den Morisken waren be-endigt, und wie nach einem Gewitter die Blumen am stärksten duften,so erblüht die Poesie immer am herrlichsten nach einem Bürgerkrieg.Dieselbe Erscheinung sehen wir in England zur Zeit der Elisabeth,und gleichzeitig mit Spanien entsprang dort eine Töchterschule, diezu merkwürdigen Vergleichungen auffordert. Dort sehen wir Shake-speare, hier Cervantes als die Blüte der Schule.

Wie die spanischen Dichter unter den drei Philippen, so habenauch die englischen unter der Elisabeth eine gewisse Familienähnlich-keit, und weder Shakespeare noch Cervantes können ans Originalitätin unserem Sinne Anspruch machen. Sie unterscheiden sich vonihren Zeitgenossen keineswegs durch besonderes Fühlen und Denkenoder besondere Darstellungsart, sondern nur durch bedeutendereTiefe, Innigkeit, Zärte und Kraft; ihre Dichtungen sind mehr durch-drungen und umflossen vom Äther der Poesie.

Aber beide Dichter sind nicht bloß die Blüte ihrer Zeit, sondernsie waren auch die Wurzel der Zukunft. Wie Shakespeare durch denEinfluß seiner Werke, namentlich ans Deutschland und das heutigeFrankreich, als der Stifter der späteren dramatischen Kunst zu betrachtenist, so müssen wir in Cervantes den Stifter des mvdernen Romansverehren. Hierüber erlaube ich mir einige flüchtige Bemerkungen.

Der ältere Roman, der sogenannte Ritterroman, entsprang ausder Poesie des Mittelalters; er war zuerst eine prosaische Bearbei-tung jener epischen Gedichte, deren Helden zum Sagenkreise Karlsdes Großen und des heiligen Grals gehörten; immer bestand derStoff aus ritterlichen Abenteuern. Es war der Roman des Adels,und die Personen, die darin agierten, waren entweder fabelhaftePhantasiegebilde, oder Reiter mit goldenen Sporen; nirgends eineSpur von Volk. Diese Ritterrvmane, die in der absurdesten Weiseausarteten, stürzte Cervantes durch seinen Don Quixote. Aber indem