52 Vermischte Schriften.
und hier findet man ihre geheimsten Bekenntnisse. Überall, mehrnoch in seinen Dramen als im Don Quixote, sehen wir, was ichbereits erwähnt habe, daß Cervantes lange Zeit Soldat war. Inder That, das römische Wort: „Leben heißt Krieg führen!" findetans ihn seine doppelte Anwendung. Als gemeiner Soldat kämpfteer in den meisten jener wilden Waffcnspiele, die König Philipp II.zur Ehre Gottes und seiner eigenen Lust in allen Landen aufführte.Dieser Umstand, daß Cervantes dem größten Kämpen des Katho-lizismus seine ganze Jugend gewidmet, daß er für die katholischenInteressen persönlich gekämpft, läßt vermuten, daß diese Interessenihm auch teuer am Herzen lagen, und widerlegt wird dadurch jenevielvcrbreitete Meinung, daß nur die Furcht vor der Inquisitionihn abgehalten habe, die protestantischen Zeitgedankcn im Don Quixotezu besprechen. Nein, Cervantes war ein getreuer Sohn der römischenKirche, und nicht bloß blutete sein Leib im ritterlichen Kampfe fürihre gebenedeite Fahne, sondern er litt für sie auch mit seiner ganzenSeele das peinlichste Märtyrertum während seiner langjährigen Ge-fangenschaft unter den Ungläubigen.
Dem Zufall verdanken wir mehr Details über das Treiben desCervantes zu Algier, und hier erkennen wir in dem großen Dichtereinen ebenso großen Helden. Die Gefangenschaftsgeschichte wider-spricht aufs glänzendste der melodischen Lüge jenes glatten Lebe-mannes, der dem Augustus und allen deutschen Schulfiichscn weisgemacht hat, er sei ein Dichter, und Dichter seien feige. Nein, derwahre Dichter ist auch ein wahrer Held, und in seiner Brust wohntdie Geduld, die, wie der Spanier sagt, ein zweiter Mut ist. Es giebtkein erhabeneres Schauspiel, als den Anblick jenes edeln Kastilianers,der dem Dei zu Algier als Sklave dient, beständig auf Befreiungsinnt, seine kühnen Pläne unermüdlich vorbereitet, allen Gefahrenruhig entgegenblickt und, wenn das Unternehmen scheitert, lieber Todund Folter ertrüge, als daß er nur mit einer Silbe die Mitschul-digen verriete. Der blutgierige Herr seines Leibes wird entwaffnetvon so viel Großmut und Tugend, der Tiger schont den gefesseltenLöwen und zittert vor dem schrecklichen Einarm, den er doch miteinem Worte in den Tod schicken könnte. Unter dem Namen „derEinarm" ist Cervantes in ganz Algier bekannt, und der Dei gesteht,daß er ruhig schlafen könne und der Ruhe seiner Stadt, seinerArmee und seiner Sklaven versichert sei, wenn er nur den einhän-digen Spanier in festem Gewahrsam wisse.
Ich habe erwähnt, daß Cervantes beständig gemeiner Soldatwar; aber da er sogar in so untergeordneter Stellung sich auszeichnenund namentlich seinem großen Feldherrn Don Juan d'Austria be-merkbar machen konnte, so erhielt er, als er aus Italien nachSpanien zurückkehren wollte, die rühmlichsten Zeugnisbriefe für den