Einleitung zur Prachtausgabe des Dou Quirote, 51
Er war ein schmier, kräftiger Mann, Dan Miguel Cervantesde Saavedra, Seine Stirn war hoch und sein Herz war weit.Wundersam war die Zauberkraft seines Auges. Wie es Leute giebt,welche durch die Erde schauen und die darin begrabenen Schätze oderLeichen sehen können, so drang das Auge des großen Dichters durchdie Brust des Menschen, und er sah deutlich, was dort vergraben.Den Guten war sein Blick ein Sonnenstrahl, der ihr Inneres freudigerhellte; den Bösen war sein Blick ein Schwert, das ihre Gefühlegrausam zerschnitt. Sein Blick drang forschend in die Seele einesMenschen und sprach mit ihr, und wenn sie nicht antworten wollte,folterte er sie, und die Seele lag blutend auf der Folter, währendvielleicht ihre leibliche Hülle sich herablassend vornehm gebürdete.Was Wunder, daß ihm dadurch sehr viele Leute abhold wurden, undihn auf seiner irdischen Laufbahn nur saumselig beförderten! Auchgelaugte er niemals zu Rang und Wohlstand, und von all' seinenmühseligen Pilgerfahrten brachte er keine Perlen, sondern nur leereMuscheln nach Hause. Man sagt, er habe den Wert des Geldesnicht zu schätzen gewußt; aber ich versichere euch, er wußte den Wertdes Geldes sehr zu schätzen, sobald er keins mehr hatte. Nie aberschätzte er es so hoch, wie seine Ehre. Er hatte Schulden, und ineiner von ihm verfaßten Charte, die Apollo den Dichtern oktroyiert,bestimmt der erste Paragraph t wenn ein Dichter versichert, kein Geldzu haben, so solle man ihm anfs Wort glauben und keinen Eid vonihm verlangen. Er liebte Musik, Blumen und Weiber. Doch auchin der Liebe für letztere ging es ihm manchmal herzlich schlecht,namentlich als er noch jung war. Konnte das Bewußtseilt künftigerGroße ihn genugsam trösten in seiner Jugend, wenn schnippischeRosen ihn mit ihren Dornen verletzteil? — Einst an einem hellenSommcrnachmittag ging er, ein junger Fant, am Tajo spazierenmit einer sechzehnjährigen Schönen, die sich beständig über seineZärtlichkeit mokierte. Die Sonne war noch nicht untergegangen,sie glühte noch in ihrer goldigsten Pracht; aber oben am Himmelstand schon der Mond, winzig und blaß, wie ein weißes Wölkchen.„Siehst du," sprach der junge Dichter zu seiner Geliebten, „siehst dudort oben jene kleine bleiche Scheibe? Der Fluß hier neben uns,worin sie sich abspiegelt, scheint nur aus Mitleiden ihr ärmlichesAbbild auf seinen stolzen Fluten zu tragen, und die gekräuseltenWellen werfen es zuweilen spottend ans Ufer. Aber laß nur denalten Tag verdämmern! Sobald die Dunkelheit anbricht, erglühtdroben jene blasse Scheibe immer herrlicher und herrlicher, der ganzeFluß wird überstrahlt von ihrem Lichte, und die Wellen, die vorhinso wegwerfend übermütig, erschauern jetzt bei dem Anblick diesesglänzenden Gestirns und schwellen ihm entgegen mit Wollust."
In den Werken der Dichter muß man ihre Geschichte suchen,
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