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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
49
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MW

Einleitung zur Prachtausgabe des Don Quixote. 4g

Visier zu heben, als wenn er aus dem Grabe gesprochen hätte, mitschwacher, kranker Stimme zu dem Sieger hinanfriestDulcinea istdas schönste Weib der Welt, und ich der unglücklichste Ritter aufErden, aber es ziemt sich nicht, daß meine Schwäche diese Wahrheitverleugne, stoßt zu mit der Lanze, Ritter!"

Ach, dieser leuchtende Ritter vom silbernen Monde, der den mutig-sten nnd edelsten Mann der Welt besiegte, war ein verkappter Barbier!

Es sind nun acht Jahre, daß ich für den vierten Teil derReise-bilder" diese Zeilen geschrieben, worin ich den Eindruck schilderte, dendie Lektüre des Don Quixote vor weit längerer Zeit in meinemGeiste hervorbrachte. Lieber Himmel, wie doch die Jahre schnell dahinschwinden! Es ist mir, als habe ich erst gestern in die Seufzeralleedes Düsseldorfer Hofgartens das Buch zu Ende gelesen, und meinHerz sei noch erschüttert von Bewunderung für die Thatcu undLeiden des großen Ritlers. Ist mein Herz die ganze Zeit über stabilgeblieben, oder ist es nach einen: wunderbaren Kreislauf zu den Ge-fühlen der Kindheit zurückgekehrt? Das letztere mag wohl der Fallsein, denn ich erinnere mich, daß ich in jedem Lustrnm meines Lebensden Don Quixote mit abwechselnd verschiedenartigen Empfindungengelesen habe. Als ich ins Jünglingsalter emporblühtc und mit un-erfahrenen Händen in die Rvsenbüsche des Lebens hincingrifs undauf die höchsten Felsen klomm, um der Sonne näher zu sein, unddes NachtS von nichts träumte als von Adlern und reinen Jung-frauen, da war mir der Don Quixote ein sehr unerquickliches Buch,und lag es in meinem Wege, so schob ich es unwillig zur Seite.Späterhin, als ich zum Manne heranreifte, versöhnte ich mich schoneinigermaßen mit Dulcineas unglücklichem Kämpen und ich fing schonan, über ihn zu lachen. Der Kerl ist ein Narr, sagte ich. Doch,sonderbarerweise, auf allen meinen Lebensfahrtcn verfolgten michdie Schattenbilder des dürren Ritters und seines fetten Knappen,namentlich wenn ich an einen bedenklichen Scheideweg gelangte. Soerinnere ich mich, als ich nach Frankreich reiste und eines Morgensim Wagen aus einem fieberhaften Halbschlummer erwachte, sah ichim Frühnebel zwei wohlbekannte Gestalten neben mir einherrcitcn,und die eine, an meiner rechten Seite war Don Quixote von derMancha auf seiner abstrakten Rvsinantc, und die andere, zu meinerLinken, war Sancho Pansa ans seinem positiven Grauchen. Wirhatten eben die französische Grenze erreicht. Der edle Manchanerbeugte ehrfurchtsvoll das Haupt vor der dreifarbigen Fahne, dieuns vom hohen Grenzpfahl entgegenflatterte, der gute Sancho grüßtemit etwas kühlerem Kopfnicken die ersten französischen Gendarmen,die unfern zum Vorschein kamen; endlich aber jagten beide Freundemir voran, ich verlor sie aus dem. Gesichte, und nur noch zuweilen hörteich Rosinantes begeistertes Gewieher und die bejahenden Töne des Esels.

Hcine's Werke. XII. Bd. 4