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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
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48 Vermischte Schriften.

weich, so schmelzend enthusiastisch, daß die verschämtesten Knospenaufsprangen, und die lüsternen Gräser und die duftigen Sonnen-strahlen sich hastiger küßten, und Bäume und Blumen schauerten voreitel Entzücken. Ich aber setzte mich auf eine alte moosige Steinbcmkin der sogenannten Seuszerallee, unfern des Wasserfalls, und ergötztemein kleines Herz an den großen Abenteuern des kühnen Ritters.In meiner kindischen Ehrlichkeit nahm ich alles sür baren Ernst; solächerlich auch dem armen Helden von dein Geschicke mitgespielt wurde,so meinte ich doch, das müsse so sein, das gehöre nun mal zumHeldentum, das Nusgclachtwerden ebensogut wie die Wunden desLeibes, und jenes verdroß mich ebensosehr, wie ich diese in meinerSeele mitfühlte. Ich war ein Kind und kannte nicht die Ironie,die Gott in der Welt hineingeschaffcn, und die der große Dichter inseiner gedruckten Kleinwelt nachgeahmt hatte, und ich konnte diebittersten Thräncn vergießen, wenn der edle Ritter für all' seinenEdelmut nur Undank und Prügel genoß. Da ich, noch ungeübt imLesen, jedes Wort laut aussprach, so konnten Vögel und Bäume,Bach und Blume alles mit anhören, und da solche unschuldige Natnr-wesen, ebenso wie die Kinder, von der Weltironie nichts wissen, sohielten sie gleichfalls alles für baren Ernst und weinten mit mirüber die Leiden des armen Ritters; sogar eine alte ausgediente Eicheschluchzte, und der Wasserfall schüttelte heftiger seinen weißen Bartund schien zu schelten ans die Schlechtigkeit der Welt. Wir fühlten,daß der Heldcnsinn des Ritters darum nicht mindere Verwunderungverdient, wenn ihm der Löwe ohne Kampflust den Rücken kehrte,und daß seine Thaten um so preisenswerter, je schwächer und aus-gedörrter sein Leib, je morscher die Rüstung, die ihn schützte, und jearmseliger der Klepper, der ihn trug. Wir verachteten den niedrigenPöbel, der, geschmückt mit buntseidenen Mänteln, vornehmen Redens-arten und Herzogstiteln, einen Mann verhöhnte, der ihm an Geistes-kraft und Edelsinn so weit überlegen war. Dulcineas Ritter stiegimmer höher in meiner Achtung und gewann immer mehr meineLiebe, je länger ich in dem wundersamen Buche las, was in dem-selben Garten täglich geschah, so daß ich schon im Herbste das Endeder Geschichte erreichte, und nie werde ich den Tag vergessen, Ivoich von dem kummervollen Zweikampfe laS, worin der Ritter soschmählich unterliegen mußte!

Es war ein trüber Tag, häßliche Nebelwvlken zogen den grauenHimmel entlang, die gelben Blätter fielen schmerzlich von den Bäumen,schwere Thränentropfen hingen an den letzten Blumen, die gar traurigwelk die sterbenden Köpfchen senkten, die Nachtigallen waren längstverschollen, von allen Seiten starrte mich an das Bild der Vergäng-lichkeit und mein Herz wollte schier brechen, als ich las, wie deredle Ritter betäubt und zermalmt am Boden lag und, ohne das