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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
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4k> Bermiichte Schrislcn.

Es wird sich wir bald dazu eine passendere Gelegenheit bieten. Ich»verde alsdann zur Genüge zeigen, daß sich in meiner früheren Be-urteilung des trefflichen Sängers zwar einige grämliche Töne, einigezeitliche Verstimmungen einschleichen konnten, daß ich aber nie dieAbsicht hegte, an seinem inneren Werte, an seinem Talente selbst,eine Ungerechtigkeit zu begehen. Nur über die litterarhistorischcnBeziehungen, über die äußeren Verhältnisse seiner Muse, habe ichunumwunden eine Ansicht, die vielleicht seinen Freunden mißfällig,aber darum dennoch nicht minder wahr ist, aussprechen müssen. Alsich nämlich Ludwig Uhland im Zusammenhang mit derRoman-tischen Schule" in dem Buche, welches eben diesen Namen führt,flüchtig beurteilte, habe ich deutlich genug nachgewiesen, daß der vor-treffliche Sänger nicht eine neue, eigentümliche Sangesart aufgebrachthat, sondern nur die Töne der romantischen Schule gelehrig nach-sprach; daß, seitdem die Lieder seiner Schnlgcnosfen verschollen sind,Uhlands Gedichtesammlung als das einzig überlebende lyrische Denk-mal fcner Töne der romantischen Schule zu betrachten ist; daß aberder Dichter selbst ebensogut wie die ganze Schule, längst tot ist.Ebensogut wie Schlegel, Tieck, wie Fvngus, ist auch Uhland längstverstorben, und hat vor jenen edlen Leichen nur das größere Ver-dienst, daß er seinen Tod wohl begriffen und seit zwanzig Jahrennichts mehr geschrieben hat. Es ist wahrlich ein ebenso widerwärtigeswie lächerliches Schauspiel, wenn jetzt meine schwäbischen Dichterlingeden Uhland zu den Ihrigen zählen, wenn sie den großen Toten ansseinem Grabmal hervorholen, ihm ein Fällhütchcn nuss Haupt stülpenund ihn in ihr niedriges Schulstübchen hcrcinzcrrcn, - - oder wennsie gar den erblichenen Helden wohlgeharnischt aufs hohe Pferd packen,wie einst dieSpanicr ihren Cid, und solchermaßen gegen die Ungläubigen,gegen die Verächter der schwäbischen Schule, losrennen lassen!

Das fehlt mir noch, daß ich auch im Gebiete der Kunst mitToten zu kämpfen hätte! Leider muß ich es oft genug in andernGebieten, und ich versichere euch bei allen Schmerzen meiner Seele,solcher Kampf ist der fatalste und verdrießlichste. Da ist keine glühendeUngeduld, die da hetzt Hieb auf Hieb, bis die Kämpfer wie trunkenhinsinken und verbluten. Ach, die Toten ermüden uns mehr als sieuns verwunden, und der Streit verwandelt sich am Ende in einefechtende Langeweile. Kennst du die Geschichte von dem jungenRitter, der in den Zauberwald zog? Sein Haar war goldig, ansseinem Helm wehten die kecken Federn, unter dem Gitter des Visiersglühten die roten Wangen und unter dem blanken Harnisch pochteder frischeste Mut. In dem Walde aber flüsterten die Winde sehrsonderbar. Gar unheimlich schüttelten sich die Bäume, die manchmal,häßlich verwachsen, an menschliche Mißbildungen erinnerten. AnSdem Laubwerk guckte hie und da ein gespenstisch weißer Vogel, der