38 Vermischte Schriften.
Der Einfall, dieses Buch*) mit einem Konterfei meines Antlibeszu schmücken, ist nicht von mir ausgegangen. Das Porträt des Versnssers Nor den Büchern erinnert mich unwillkürlich an Genna, wovor dem Narrenhospital die Bildsäule des Stifters aufgestellt ist.Es war mein Verleger, welcher ans die Idee geraten ist, dem Nach-trag znm „Buch der Lieder", diesem gedruckten Narrenhause, worinmeine verrückten Gedanken eingesperrt sind, mein Bildnis voran-zukleben. Mein Freund Julius Campe ist ein Schalk, und wolltegewiß den lieben Kleinen von der schwäbischen Dichterschnle, die sichgegen mein Gesicht verschworen haben, einen Schabernack spielen . . .Wenn sie seht an meinen Liedern klauben und knuspern, und dieThränen zählen, die darin vorkommen, so können sie nicht umhin,manchmal meine Züge zu betrachten. Aber warum grollt ihr mirso unversöhnbar, ihr guten Leutchen? Warum zieht ihr gegen michlos in weitschweifigen Artikeln, woran ich mich zu Tode langweilenkonnte? Was habt ihr gegen mein Gesicht? Beiläufig will ich hierbemerken, daß das Porträt im Musenalmanach gar nicht getroffenist. Das Bild, welches ihr heute schaut, ist weit besser, besondersder Oberteil des Gesichtes; der untere Teil ist viel zu mächtig. Ichbin nämlich seit einiger Zeit sehr dick und wohlbeleibt geworden, undich fürchte, ich werde bald wie ein Bürgermeister aussehen; — ach,die schwäbische Schule macht mir so viel Kummer!
Ich sehe, wie der geneigte Leser mit verwunderten Augen umErklärung bittet: was ich unter dem Namen „schwäbische Schule"eigentlich verstehe. Was ist das, die schwäbische Schule? Es ist nochnicht lange her, daß ich selber an mehrere reisende Schwaben dieseFrage richtete und um Auskunft bat. Sie wollten lange nicht mitder Sprache heraus und lächelten sehr sonderbar, etwa wie dieApotheker lächeln, wenn frühmorgens am ersten April eine leicht-gläubige Magd zu ihnen in den Laden kömmt und für zwei KreuzerMückenhonig verlangt. In meiner Einfalt glaubte ich anfangs,unter dem Namen schwäbische «schule verstünde man jenen blühendenWald großer Männer, der dem Boden Schwabens entsprossen, jeneRiescneichcn, die bis in den Mittelpunkt der Erde wurzeln, undderen Wipfel hinausragt bis an die Sterne . . . lind ich frug: Nichtwahr, Schiller gehört dazu, der wilde Schöpfer, der „Die Räuber"schuf? . . . „Nein," lautete die Antwort, „mit dem haben wir nichtszu schaffen, solche Räuberdichter gehören nicht zur schwäbischen Schule;aei uns geht's hübsch ordentlich zu, und der Schiller hat auch frühbus dem Land hinaus müssen." Gehört denn Schclling zur schwmbischen Schule, Schelling, der irrende Weltweise, der König ArtuSder Philosophie, welcher vergeblich das absolute Montsalvatsch auf-
*) Das „Jahrbuch der Litteratur", in welchem der erste Abdruckerfolgte.