Vermischte Schriften.
ist es; es war ein leiblicher Verlust, und ich fühlte in der Seele einenfeist physischen Schmerz. Vergebens beschwichtigte ich mich mit vernünf-tigcn Gründen: Afrika ist auch ein gntes Land, und die Schlangendort züngeln nicht viel von christlicher Liebe, und die Affen dort sindnicht so widerwärtig wie die deutschen Affen — und zur Zerstreuungsummte ich mir ein Lied vor. Zufällig aber war es das alte Liedvon Schnbart:
Wir sollen über Land und MeerIns heiße Afrika."
An Deutschlands Grenzen füllen wirMit Erde noch die Hand,
Und küssen sie — das sei dein DankFür Schirmnng. Pflege, Speis' und Trank,
Du liebes Vaterland!"
Nur diese Worte des Liedes, das ich in meiner Kindheit gehört,blieben immer in meinem Gedächtnis, und sie traten mir jedesmalin den Sinn, wenn ich an Deutschlands Grenze kam. Von demVerfasser weiß ich auch nur wenig, außer daß er ein armer deutscherDichter war, und den größten Teil seines Lebens auf der Festungsaß und die Freiheit lieble. Er ist nun tot und längst vermodert,aber sein Lied lebt noch; denn das Wort kann man nicht auf dieFestung setzen und vermodern lassen.
Ich versichere auch, ich bin kein Patriot, und wenn ich an jenemTage geweint habe, so geschah es wegen des kleinen Mädchens. Eswar schon gegen Abend, und ein kleines deutsches Mädchen, welchesich vorher schon unter den Auswanderern bemerkt, stand allein amStrande, wie versunken in Gedanken, und schaute hinaus ins lveiteMeer. Die Kleine mochte wohl acht Jahr alt sein, trug zwei niedlichgeflochtene Haarzöpfchen, ein schwäbisch kurzes Röckchen von wohl-gestrciftcm Flanell, hatte ein bleich kränkelndes Gesichtchcn, großeernsthafte Augen, und mit weicher besorgter, jedoch zugleich neugierigerStimme fragte sie mich, ob das das Weltmeer sei. — —
Bis tief in die Nacht stand ich am Meere und weinte. Ichschäme mich nicht dieser Thränen. Auch Achilles weinte am Meer,und die silbcrfüßige Mutter mußte auS den Wellen emporsteigen, umihn zu trösten. Auch ich hörte eine Stimme im Wasser, aber mindertrostreich, vielmehr aufweckend, gebietend, und doch grundweise. Denndas Meer weiß alles, die Sterne vertrauen ihm des Nachts die ver-borgensten Rätsel des Himmels, in seiner Tiefe liegen mit denfabelhaft versunkenen Reichen auch die uralten, längst verschollenen