Vorrede zum ersten Baiide des Salon,
19
und klopfte gegen die Rippen, als müsse es heraus aus der Brust,als müsse es so schnell als möglich heraus, und der Atem stockte mirin der Kehle, Ja, es war das Vaterland selbst, das mir begegnete,auf selten Wagen saß daS blonde Deutschland, mit seinem ernstblaucnAugen, seinen tranlichen, allzu bedächtigen Gesichtern, in den Mnnd-winkeln »och jene kümmerliche Beschränktheit, über die ich mich einstso sehr gclangweilt und geärgert, die mich aber jetzt gar wehmütigrührte — denn hatte ich einst, in der blühenden Lust der Jugend,gar vst die heimatlichen Verkehrtheiten und Philistcreicn verdrießlichdurchgehechelt, hatte ich einst mit dem glücklichen, bürgcrmcisterlichbehäbigen, schncckenhaft trägen Vaterlnndc manchmal einen kleinenHauShadcr zu bestehen, wie er in großen Familien wohl vorfallenkann: so war doch all dergleichen Erinnerung in meiner Seele er-loschen, als ich das Vaterland in Elend erblickte, in der Fremde, imElend; selbst seine Gebrechen wurden mir plötzlich teuer und wert,selbst mit seinen Krähwinkelcien war ich ausgesöhnt, und ich drückteihm die Hand, ich drückte die Hand jener deutschen Auswanderer, alsgäbe ich dem Vaterland selber den Handschlag eines erneuten Bünd-nisses der Liebe, und wir sprachen deutsch. Die Menschen warenebenfalls sehr froh, auf einer fremden Landstraße diese Laute zuvernehmen: die besorglichen Schatten schwanden von ihren Gesichtern,und sie lächelten beinahe. Auch die Frauen, worunter manche rechthübsch, riefen mir ihr gemütliches „Gricsch di Gott!" vom Wagenherab, und die jungen Bnbli grüßten errötend höflich, und die ganzkleinen Kinder jauchzten mich an mit ihren zahnlosen lieben Mündchen,lind warum habt ihr denn Deutschland verlassen? fragte ich diesearmen Leute, „Das Land ist gut und wären gern dageblieben,"antworteten sie, „aber wir kvnnten's nicht länger aushalten," —
Nein, ich gehöre nicht zu den Demagogen, die nur. die Leiden-schaft aufregen wollen, und ich will nicht alles wiedererzählen, wasich ans jener Landstraße bei Havre unter freiem Himmel gehört habeüber den Unfug der hochnobeln und allerhöchst nobcln Sippschaftenin der Heimat — auch lag die größere Klage nicht im Wort selbst,sondern im Ton, womit es schlicht und grad gesprochen, oder viel-mehr geseufzt wurde. Auch jene armen Leute waren keine Dema-gogen; die Schlußrede ihrer Klage war immer: „Was sollten wirthnn? Sollten wir eine Revolution anfangen?"
Ich schwöre es bei allen Göttern des Himmels und der Erde,der zehnte Teil von dem, was jene Leute in Deutschland erduldethaben, hätte in Frankreich sechsunddrcißig Revolutionen hervor-gebracht, und sechsunddrcißig Königen die Krone mitsamt demKopf gekostet.
„Und wir hätten es doch noch ansgehalten und wären nichtfortgegangen," bemerkte ein achtzigjähriger, also doppelt vernünftiger
2»
W