18 Vermischte Schriften.
Ich dächte: — Habt meiner nicht mehr nötig, will auch einmalfür mich selber leben, und schöne Gedichte schreiben, Komödien nndNovellen, zärtliche nnd heitere Gedankcnspiele, die sich in meinemHirnkasten angesammelt, nnd will mich wieder rnhig zurückfchleichenin das Land der Poesie, wo ich als Knabe so glücklich gelebt.
Und keinen Ort hätte ich wählen können, wo ich besser imstandewar, diesen Vorsatz in Ausführung zn bringen. Es war auf einerkleinen Villa dicht am Meer, nahe bei Havre-de-Grnce in der Normandie. Wunderbar schöne Aussicht ans die große Nordsee, ein ewigwechselnder und doch einfacher Anblicks heute grimmer Sturm, morgenschmeichelnde Stille; und drüberhin die weißen Wolkenzüge, riesenhaftund abenteuerlich, als wären es die spukenden Schatten jener Nor-mannen, die einst auf diesen Gewässern ihr wildes Wesen getrieben.Unter meinem Fenster aber blühten die lieblichsten Blumen nndPflanzen: Rosen, die licbesüchtig mich anblickten, rote Nelken mitverschämt bittenden Düften, und Lorbeeren, die an die Mauer zumir heraufraukten, fast bis in mein Zimmer hereinwuchscn, wie jenerRuhm, der mich verfolgt. Ja, einst lief ich schmachtend hinter Daphneeinher, jetzt läuft Daphne nach mir, wie eine Metze, und drängt sichitl mein Schlafgeinach. Was ich einst begehrte, ist mir jetzt un-bequem, ich möchte Ruhe haben, und wünschte, daß kein Mensch vonmir spräche, wenigstens in Deutschland.*) Und stille Lieder wollteich dichten, nnd nur für mich, oder allenfalls um sie irgend einer ver-borgenen Nachtigall vorzulesen. Es ging auch im Anfang; meinGemüt ward wieder umfriedet von dem Geist der Dichtkunst, wohl-bekannte edle Gestalten und goldene Bilder dämmerten wieder emporin meinem Gedächtnisse, ich ward wieder so traumselig, so nittrchen-trunkeu, so verzaubert wie ehemals, und ich brauchte nur mit ruhigerFeder alles auszuschreiben, was ich eben fühlte und dachte — ich begann.
Nun aber weiß jeder, daß man bei solcher Stimmung nichtimmer ruhig im Zimmer sitzen bleibt, nnd manchmal mit begeistertemHerzen und glühenden Wangen ins freie Feld läuft, ohne auf Wegnnd Steg zn achtelt. So erging's auch mir, und, ohne zu wissenwie, befand ich mich plötzlich auf der Landstraße von Havre, nndvor mir her zogen hoch nnd langsam mehrere große Bauerwagen,bepackt mit allerlei ärmlichen Kisten und Kasten, altfränkischem Haus-geräte, Weibern und Kindern. Nebenher gingen die Männer, nndnicht gering war meine Überraschung, als ich sie sprechen hörte —sie sprachen deutsch, in schwäbischer Mundart. Leicht begriff ich, daßdiese Leute Auswanderer waren, und als ich sie näher betrachtete,durchzuckte mich ein jähes Gefühl, wie ich es noch nie in meinemLeben empfunden; alles Blut stieg mir plötzlich in die Herzkammern
*) Die Worte: „wenigstens in Deutschland", fehlen in den französischenAusgaben. Der- Herausgeber.