Vorrede zum ersten Bande dcS Salon. 17
wenigstens ebenso respektabel ist, wie jene triste, modrige Ascher?mittwochsidee, die unser schönes Europa trübselig entblumt undmit Gespenstern und Tartüffcn bevölkert hat. Wogegen ich einst mitleichten Waffen frondierte, wird jetzt ein offener ernster Krieg ge-führt — ich stehe sogar nicht mehr in den ersten Reihen.
Gottlob! die Revolution des Julius hat die Zungen gelöst; dieso lange stumm geschienen; ja, da die plötzlich Erweckten alles, wassie bis dahin verschwiegen, auf einmal offenbaren wollten, so ent-stand viel Geschrei, welches mir mitunter gar unerfreulich die Ohrenbetäubte. Ich hatte manchmal nicht iibel Lust, das ganze Sprechamtaufzugeben; doch das ist nicht so leicht thnnlich wie etwa das Auf-geben einer geheimen Staatsratstelle, obgleich letztere mehr einbringt,als das beste öffentliche Tribunal. Die Leute glauben, unser Thunund Schaffen sei eitel Wahl, aus dem Borrat der neuen Ideen griffenmir eine heraus, für die wir sprechen und wirken, streiten und leidenwollten, wie etwa sonst ein Philvlog sich seinen Klassiker auswählte,mit dessen Kommenliernng er sich sein ganzes Leben hindurch be-schäftigte — nein, wir ergreifen keine Idee, sondern die Idee ergreiftuns, und knechtet uns, und peitscht uns in die Arena hinein, daßwir, wie gezwungene Gladiatoren, für sie kämpfen. So ist es mitjedem echte» Tribunal oder Apostolat. Es war ein wehmütiges Ge-ständnis, wenn Auws sprach zu König Ainazia: „Ich bin kein Prophet,noch keines Propheten Sohn, sondern ich bin ein Kuhhirt, der Maul-beeren ablicset; aber der Herr nahm mich von der Schafherde undsprach zu mir; Gehe hin und weissage!" Es war ein wehmütigesGeständnis, wenn der arme Mönch, der vor Kaiser und Reich zuWorms augeklagt stand ob seiner Lehre, dennoch, trotz aller Demntseines Herzens, jeden Widerruf für unmöglich erklärte und mit denWorten schloß; „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfemir, Amen!"
Wenn ihr diese heilige Zwingnis kenntet, ihr würdet uns nichtmehr schelten, nicht mehr schmähen, nicht mehr verleumden — wahrlich,wir sind nicht die Herren, sondern die Diener des Wortes. Es warein wehmütiges Geständnis, wenn Maximilian Robcspicrre sprach:„Ich bin ein Sklave der Freiheit."
Und anch ich will jetzt Geständnisse machen. Es war nicht eitelLust meines Herzens, daß ich alles verließ, was mir teures imVaterland blühte und lächelte — mancher liebte mich dort, z. B. meineMutter — aber ich ging, ohne zu wissen warum; ich ging, weil ichmuhte. Nachher ward mir sehr müde zu Mute; so lange vor denJnlius-tagen hatte ich das Prophetcnamt getrieben, daß das innere Feuermich schier verzehrt, daß mein Herz von den gewaltigen Worten, diedaraus hervorgebrochen, so matt geworden, wie der Leib einerGcbärerin . . .
Hcine's Werke. XII. Bd. 2