Druckschrift 
12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
9
Einzelbild herunterladen
 

Einleitung zu Kahldork Wer den Adel. N

schwcrte des Ceusors. Ich selbst unterdrücke in diesem Augenblickeinige neugeborene unschuldige Betrachtungen über die Geduld undSeelenruhe, womit meine lieben Landsleute schon seit so vielen Jahrenein Gcistermordgesetz ertragen, das Polignac in Frankreich nur zupromulgieren brauchte, um eine Revolution hervorzubringen. Ichspreche von den berühmten Ordonnanzen, deren bedenklichste einestrenge Censnr der TageSblättcr anordnete und alle edle Herzen inParis mit Entsetzen erfüllte die friedlichsten Bürger griffen zuden Waffen, man barrikadierte die Gassen, man focht, man stürmte,es donnerten die Kanonen, es heulten die Glocken, es Pfiffen diebleiernen Nachtigallen, die junge Brut des toten Adlers, die bleolsxolxtsebnrgus, flatterte aus dem Neste mit Blitzen in den Krallen,alte Pelikane der Freiheit stürzten in die Bajonette und nährten mitihrem Blute die Begeisterung der Jungen, zu Pferde stieg Lafayettc,der Unvergleichliche, desscngleichcn die Natur nicht mehr als einmalerschaffen könnte, und den sie deshalb in ihrer ökonomischen Weisefür zwei Welten und für zwei Jahrhunderte zu benutzen suchtund nach drei heldenmütigen Tagen lag die Knechtschaft zu Bodenmit ihren roten Schergen und ihren weißen Lilien; und die heiligeDreifarbigkeit, umstrahlt von der Glorie des Sieges, wehte überdem. Kirchturm unserer lieben Frauen von Paris! Da geschahenkeine Greuel, da gab's kein mutwilliges Morden, da erhob sich keineallerchristliche Guillotine, da trieb man keine gräßlichen Späße, wiez.B. bei jener famosen Rückkehr von Versailles, als man, gleichStandarten, die blutigen Köpfe der Herren von Deshuttes und vonVaricourt voraustrug und in Ssvres still hielt, um sie dort voneinem Citoycu-Pcrruquicr abwaschen und hübsch frisieren zu lassen.Nein, seit jener Zeit, schaurigen Angedenkens, hatte die französischePresse das Volk von Paris für bessere Gefühle und minder blutigeWitze empfänglich gemacht, sie hatte die Ignoranz ausgejätet ansden Herzen und Intelligenz hincingesäct, die Frucht eines solchenSamens war die edle, legendenartige Mäßigung und rührendeMenschlichkeit des Pariser Volkes in der großen Woche und, inder That, wenn Polignac späterhin nicht auch Physisch den Kopfverlor, so verdankt er es einzig und allein den milden Nachwirkungenderselben Preßfrciheit, die er thörichtcrwcise unterdrücken wollte.

So erquickt der Sandelbaum mit seinen lieblichsten Düften ebenjenen Feind, der frevelhaft seine Rinde verletzt hat.

Ich glaube mit diesen flüchtigen Bemerkungen genugsam an-gedeutet zu haben, wie jede Frage über den Charakter, den die Re-volution in Deutschland annehmen möchte, sich in eine Frage überden Zustand der Civilisation und der Politischen Bildung des deutschenVolkes verwandeln muß, wie die Bildung ganz abhängig ist von derPreßfreiheit, und wie es unser ängstlichster Wunsch sein muß, daß