8. Vermischte Schriften,
mehr erhim als erwärmt wurden, daß sie jedem Pamphletisten undJournalisten aufs Wort glaubten, und daß sie von jedem Schwärmer,der sich selbst betrog, und jedem Intriganten, den Pitt besoldete, zuden ausschweifendsten Handlungen verleitet werden konnten. Dasist ja eben der Segen der Preßsrcihcit, sie raubt der kühneu Sprachedes Demagogen allen Zauber der Neuheit, das leidenschaftlichste Wortneutralisiert sie durch ebenso leidenschaftliche Gegenrede, und sie ersticktin der Geburt schon die Lügcngerüchte, die, von Zufall oder Bosheitgesäet, so tödlich frech emporwuchcrn im Verborgenen, gleich jenenGiftpflanzen, die nur in dunkeln Waldsümpfen und im Schattenalter Burg- und Kirchentrümmer gedeihen, im hellen Sonnenlichteaber elendig und jämmerlich verdorren. Freilich, das helle Sonnen-licht der Preßfreiheit ist für den Sklaven, der lieber im Dunkeln dieallerhöchsten Fußtritte hinnimmt, ebenso fatal wie für den Despoten,der eine einsame Ohmnacht nicht gern beleuchtet sieht. Es ist wahr,daß die Censur solchen Leuten sehr angenehm ist. Aber es ist nichtweniger wahr, daß die Censur, indem sie einige Zeit dein Despo-tismus Borschub leistet, ihn am Ende mitsamt dein Despoten zuGrunde richtet, daß dort, wo die Jdeengnillotine gewirtschaftet, auchbald die Mcnschencensnr eingeführt wird, daß derselbe Sklave, derdie Gedanken hinrichtet, späterhin mit derselben Gelassenheit^) seineneigenen Herrn ausstreicht aus dem Buche des Lebens,
Ach! diese Geistcshenker machen uns selbst zu Verbrechern, undder Schriftsteller, der wie eine Gebärerin während des Schreibensgar bedenklich aufgeregt ist, begeht in diesem Zustande sehr oft einenGedankenkindermord, eben aus wahnsinniger Angst vor dem Nicht-
*) Hier folgt im Originalmanuskript die häufig bis zur Unleserlichkeit durch-ftricheue Stelle: ..das Henkeramt auch au Menschen verrichten werde, und daßMonsieur Sanson. als er Se. allerchristliche Majestät, den König von Frankreich,aus dem Buche des Lebens ausstrich, nur als natürlicher Nachfolger den Censorvon Paris im Handwerk ablöste.
Dieser Wahrheit bin ich jungst in der grauenhaftesten Weise bewußt geworden,als die Unruhen, die Europa bewegen, auch bis in die Stadt meines zufälligenAufenthalts gedrungen waren und ich die heidnische Wildheit entzügelter Volks-massen in der Nähe betrachtete. Es blieb, gottlob! nur bei Steinwürfen undFenstergeklirre, und des andern Tags war schon alles wieder beschwichtigt durch
die — — unter dem: „Ein' feste Burg
ist unser Gott" —
— gefunden hatten. Ich aber verbrachte sehr schlecht die Nacht, als
jene Unruhen vorfielen, ich konnte nicht einschlafen vor lauter Nevolutionsgreuel-gcdanken, und dachte beständig an Ludwig XVI., und dann auch an Karl I., undgrübelte nach, wer wohl der verlarvte Scharfrichter gewesen sei, der ihn geköpfthat, und als ich einschlief, träumte mir, ich stände unter einer brausenden Volks-menge, die nach einem großen Hause emporgaffte, das ungefähr wie Whitehallaussah, und vor dessen Fenstern sich ein schwarzes Gerüste erhob, wo auf einerschwarzen ein weißes — Haupt lag, und siehe! als der ver-larvte Scharfrichter zu einem Streiche auslangen wollte, entfiel ihm die Maske,
und zum Vorschein kam eines wohlbekannten wohlbekanntes
Gesicht."