Einleitung zu Kahldorf Wer den Adel. 7
höheren Ständen und hie und da im Mittelstand; die unteren Klassenwaren geistig verwahrlost, und durch den engherzigsten Despotismusvon jedem edlen Einporstreben abgehalten. Was aber gar politischeBildung betrifft, so fehlte sie nicht nur jenen unteren, sondern auchden oberen Klassen. Man wußte damals nur von kleinlichen Ma-növern zwischen rivalisierenden Korporationen, von wechselseitigemSchwächungssysteme, von Traditionen der Routine, von doppel-deutigen Fvrmelkünsten, von Maitresseneinfluß und dergleichen Staats-misere. Montesquieu hatte nur eine verhältnismäßig geringe An-zahl Geister geweckt. — Da er immer von einem historischen Stand-punkte ausgeht, gewann er wenig Einfluß auf die Massen einesenthusiastischen Volkes, das am empfänglichsten ist für Gedanken, dieursprünglich und frisch aus dem Herzen quellen, wie in den SchriftenRousseaus. Als aber dieser, der Hamlet von Frankreich, der denzürnenden Geist erblickt und die argen Gemüter der gekrönten Gift-mischer, die gleißende Leerheit der Schranzen, die läppische Lüge derHofetikette und die gemeinsame Fäulnis durchschaute und schmerzhaftausrief: „Die Welt ist aus ihren Fugen getreten, weh mir, daß ichsie wieder einrichten soll!" als Jean Jacques Rousseau halb mit ver-stelltem, halb mit wirklichem Berzweiflungswahnsinn seine großeKlage und Anklage erhob; — als Voltaire, der Lucian des Christen-tums, den römischen Priestertrug und das darauf gebaute göttlicheRecht des Despotismus zu Grunde lächelte; — als Lafayette, derHeld zweier Welten und zweier Jährhunderte, mit den Argonautender Freiheit aus Amerika zurückkehrte und die Idee einer freienKonstitution, daS goldene Fließ, mitbrachte; — als Necker rechneteund SieyeS definierte und Mirabeau redete, und die Donner derkonstituierenden Versammlung über die welke Monarchie und ihrblühendes Defizit dahinrollten, und neue ökonomische und staats-rechtliche Gedanken, wie plötzliche Blitze, emporschössen; — da mußtendie Franzosen die große Wissenschaft der Freiheit, die Politik, ersterlernen, und die ersten Anfangsgründe kamen ihnen teuer zu stehen,und es kostete ihnen ihr bestes Blut.
Daß aber die Franzosen so teures Schulgeld bezahlen mußten,das war die Schuld jener blödsinnig lichtscheuen Despotie, die, wiegesagt, das Volk in geistiger Unmündigkeit zu erhalten gesucht, allestaatswissenschaftliche Belehrung hintertrieben, den Jesuiten undObskuranten der Sorbonne die Büchercensur übertragen, und gar dieperiodische Presse, das mächtigste Beförderungsmittel der Volks-intelligenz, aufs lächerlichste unterdrückt hatte. Man lese nur inMerciers Rubisan äs ?aris den Artikel über die Censur vor derRevolution, und man wundert sich nicht mehr über jene krassepolitische Unwissenheit der Franzosen, die nachher zur Folge hatte,daß sie von den neuen Politischen Ideen mehr geblendet als erleuchtet,