6 Vermischte Schriften.
gelten ließen, als was jener Kritik standhielt, Kant war unserRabespierre. — Nachher kam Fichte mit seinem Ich, der Napalcvnder Philosophie, die höchste Liebe und der höchste Egoismus, dieAlleinherrschaft des Gedankens, der souveräne Wille, der ein schnellesUniversalreich improvisierte, das ebenso schnell wieder verschwand, derdespotische, schauerlich einsame Idealismus. — Unter seinein konse-quenten Tritte ersenfzten die geheimen Blumen, die von der Kan-tischen Guillotine noch verschont geblieben oder seitdem unbemerkthervorgeblüht waren, die unterdrückten Erdgeister regten sich, derBoden zitterte, die Konterrevolution brach aus, und unter Schellingerhielt die Vergangenheit mit ihren traditionellen Interessen wiederAnerkenntnis, sogar Entschädigung, und in der neuen Restauration,in der Naturphilosophie, wirtschafteten wieder die grauen Emi-granten, die gegen die Herrschaft der Vernunft und der Idee be-ständig iutriguiert, der Mystizismus, der Pietismus, der Jesuitismus,die Legitimität, die Nomantik, die Deutschtümelei, die Gemütlichkeit —bis Hegel, der Orleans der Philosophie, ein neues Regiment be-gründete oder vielmehr ordnete, ein eklektisches Regiment, worin erfreilich selber wenig bedeutet, dem er aber an die Spitze gestellt ist,und worin er den alten Kantischen Jakobinern, den FichteschcnBonapartisten, den Schellingschen Pairs und seinen eigenen Krea-turen eine feste, verfassungsmäßige Stellung anweist.
In der Philosophie hätten wir also den großen Kreislaufglücklich beschlossen, und es ist natürlich, daß wir jetzt zur Politikübergehen. Werden wir hier dieselbe Methode beobachten? Werdenwir mit dem System des Lloinits 6s s-rlut xubligus, oder mit demSystem des Orckrs IsAal den Kursus eröffnen? Diese Fragen durch-zittern alle Herzen, und wer etwas Liebes zu verlieren hat, und seies auch nur den eigenen Kopf, flüstert bedenklich: Wird die deutscheRevolution eine trockene sein oder eine naßrote ?
Aristokraten und Pfaffen drohen beständig mit den Schreckbildernaus den Zeiten des Terrorismus, Liberale und Humanisten ver-sprechen uns dagegen die schönen Scenen der großen Woche undihrer friedlichen Nachfeier; — beide Parteien täuschen sich oder wollenandere täuschen. Denn nicht weil die französische Revolution in denneunziger Jahren so blutig und entsetzlich, vorigen Juli aber somenschlich und schonend war, läßt sich folgern, daß eine Revolutionin Deutschland ebenso den einen oder den andern Charakter an-nehmen müsse. Nur wenn dieselben Bediugnisse vorhanden sind,lassen sich dieselben Erscheinungen erwarten. Der Charakter derfranzösischen Revolution war aber zu jeder Zeit bedingt von demmoralischen Zustande des Volkes, und besonders von seiner politischenBildung. Vor dem ersten Ausbruch der Revolution in Frankreichgab es dort zwar eine schon fertige Civilisation, aber doch nur in den