Druckschrift 
11 (1862) Französische Zustände : Th. 4, Kunstberichte aus Paris
Entstehung
Seite
39
Einzelbild herunterladen
 

Verstand heranhinkte, und die überflüssigen Blumenbei Seite schöbe, oder mit seiner blanken Garten-schere abmähte. Der Verstand übt nur Ordnung,so zu sagen: die Polizei, im Reiche der Kunst. ImLeben ist er meistens ein kalter Kalkulator, der un-sere Thorhcitcn addiert; ach! manchmal ist er nurder Fallitcnbuchhaltcr des gebrochenen Herzens, derdas Deficit ruhig ausrechnet.

Der große Jrrthnm besteht immer darin, dassder Kritiker die Frage aufwirft: Was soll der Künst-ler? Viel richtiger wäre die Frage: Was will derKünstler? oder gar: Was muss der Künstler? DieFrage: Was soll der Künstler? entstand durch jeneKunstphilosophcn, die, ohne eigene Poesie, sich Merk-male der verschiedenen Kunstwerke abstrahierten, nachdem Vorhandenen eine Norm für alles Zukünftigefeststellten, und Gattungen schieden, und Definitionenund Regeln ersannen. Sie wusstcn nicht, dass allesolche Abstraktionen nur allenfalls zur Bcurthcilungdes Nachahmervolks nützlich sind, dass aber jederOriginalkünstlcr und gar jedes neue Kunstgcnic nachseiner eigenen mitgebrachten Ästhetik bcurtheilt wer-den muss. Regeln und sonstige alte Lehren sind beisolchen Geistern noch viel weniger anwendbar. Fürjunge Riesen, wie Menzel sagt, gicbt es keine Fccht-knnst, denn sie schlagen ja doch alle Paraden durch.