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9 (1898) Französische Zustände : 1
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I9l> Französische Zustände, I.

den Feinden des Kaisers ein geneigteres Ohr, und sowohl die eigent-lichen Legitimisten als auch die Noyalisten von der laxen Observanzbenutzten diese Mißstimmung, indem sie gegen Napoleon mit ihreralten eingewurzelten Erbitterung mehr oder minder geschickt hervor-traten. So gab uns namentlich die „Gazette de France" eineBlumenlese von Schmähungen gegen Napoleon, nämlich Auszügeaus den Werken Chateaubriand?, der Frau von Stasl, BenjaminConstants u. s. w. Unsereiner, der in Deutschland an derbere Kostgewöhnt, mußte darüber lächeln. Es wäre ergötzlich, wenn man,das Feine durch das Rohe parodierend, neben jenen französischenExcerpten ebensoviele Parallelstellen setzte von deutschen Autoren ausder gcobtümlichen Periode. Der „Vater Jahn" führte eine Mist-gabel, womit er auf den Korsen weit wütender zustach, als so einChateaubriand mit seinen» leichten und funkelnden Galanterie-degen. Chateaubriand und Vater Jahn! Welche Kontraste, und dochwelche Ähnlichkeiten!

War aber Chateaubriand sehr parteiisch in seiner Beurteilung desKaisers, so war es letzterer noch viel mehr durch die wegwerfendeWeise, womit er sich auf Sankt Helena über den Pitgrim vonJerusalem aussprach. Er sagte nämlich: L'sst uns üms rumpuiitsgni s, tu muuis ck'ssrirs ckss livrss. Nein, Chateaubriand ist keineniedrige Seele, sondern er ist bloß ein Narr, und zwar ein traurigerNarr, während die andern heiter und kurzweilig sind. Er erinnertmich innner an den melancholischen Lustigmacher Ludwigs XIII. Ichglaube, er hieß Angeli, trug eine Jacke von schwarzer Farbe, aucheine schwarze Kappe mit schwarzen Schellen, und riß betrübte Späße.Der Pathos deS Chateaubriand hat für mich immer etwas Komisches;dazwischen höre ich stets das Geklingel der schwarzen Glöckchen. Nurwerden die erkünstelte Schwermut, die affektierten Todesgedanken, aufdie Länge ebenso widerwärtig wie eintönig. Es heißt, er sei jetztmit einer Schrift über die Leichenfeier Napoleons beschäftigt. Daswäre in der That für ihn eine vortreffliche Gelegenheit, seine ora-torischen Flöre und Immortellen, den ganzen Pomp seiner Be-grttbnisphantasie auszukramen; sein Pamphlet wird ein geschriebenerKatafalk werden, und an silbernen Thränen und Trauerkerzen wirder es nicht fehlen lassen; denn er verehrt den Kaiser, seit er tot ist.

Auch Frau von Stasi würde jetzt den Napoleon feiern, wennsie noch in den Salons der Lebenden wandelte. Schon bei der Rück-kehr des Kaisers von der Insel Elba, während der hundert Tage,war sie nicht übel geneigt, das Lob des Tyrannen zu singen, undstellte nur zur Bedingung, daß ihr vorher zwei Millionen, die manvorgeblich ihrem seligen Vater schuldete, ausgezahlt würden. Alsihr aber der Kaiser dieses Geld nicht gab, fehlte ihr die nötige In-spiration für die erbotencn Preisgesänge, und Corinna improvi-