132 Französische Zustände. I.
Straße hörte ich die Anzahl der „Patrioten" vdcr, wie sie heuleheißen: der „Rebellen", die sich dort geschlagen, ans fünfhundert bistausend angeben; jedoch gegen die Mitte der Straße ward diese An-gabc immer kleiner und schmolz endlich bis ans fünfzig. Was istWahrheit! sagt Pontius Pilatus.
Die Anzahl der Linientrnppen ist leichter zu ermitteln; es sollengestern (selbst dem Journal des Debats zufolge) 4i) OVO Mann schlag-fertig in Paris gestanden haben. Rechnet man dazu wenigstens20000 Nativnalgardcn, so schlug sich jene Hand voll Menschen gegen6V 000 Mann. Einstimmig wird der Heldenmut dieser Tollkühnengerühmt: sie sollen Wunder der Tapferkeit vollbracht haben. Sieriefen beständig: Vivs 1a. kexulzligus! und sie fanden kein Echo inder Brust des Volks. Hätten sie statt dessen: Vivs bürpolson! ge-rufen, so würde, wie man heute in allen Volksgruppen behauptet, dieLinie schwerlich auf sie geschossen haben, und die große Menge derOuvriers wäre ihnen zu Hilfe gekommen. Aber sie verschmähten dieLüge. ES waren die reinsten, jedoch keineswegs die klügsten Freunde derFreiheit. Und doch ist man heute albern genug, sie des Einverständ-nisses mit den Karlistcn zu beschuldigen! Wahrlich, wer so tvteSmntigfür den heiligen Irrtum seines Herzens stirbt, für den schönen Wähneiner idealischen Zukunft, der verbindet sich nicht mit jenem feigen Kot,den uns die Vergangenheit unter dem Namen: „Karlisten" hinterlassen hat. Ich bin, bei Gott! kein Republikaner, ich weiß, wenndie Republikaner siegen, so schneiden sie mir die Kehle ab, und zwarweil ich nicht auch alles bewundere, was sie bewundern, — aberdennoch, die nackten Thränen traten mir heute in die Augen, alsich die Orte betrat, die noch von ihrem Blute gerötet sind. Es wäremir lieber gewesen, ich und alle meine Mitgemäßigten wären stattjener Republikaner gestorben.
Die Nationalgardisteu freuen sich sehr ihres Sieges. In ihrerSiegestrunkenheit hätten sie gestern abend fast mir selber, der ichdoch zu ihrer Partei gehöre, eine ganz ungesunde Kugel in den Leibgejagt; sie schössen nämlich heldenmütig auf jeden, der ihren Postenzu nahe kam. — Es war ein regnichter, sternloser, widerwärtigerAbend. Wenig Licht auf den Straßen, da fast alle Läden ebensowie den Tag über geschlossen waren. Heute ist wieder alles in bunterBewegung, und man sollte glauben, nichts wäre vorgegangen. Sogarans der Straße St. Martin sind alle Läden geöffnet. Trotzdem, daßman wegen des aufgerissenen Pflasters und der Reste der Barrikadendort schwer passiert, wälzt sich jetzt aus Neugier eine ungeheureMenschenmasse durch die Straße, die sehr lang und ziemlich eng ist,und deren Hänser ungeheuer hoch gebaut. Fast überall hat dortder Kanonendonner die Fensterscheiben zerbrochen, und überall siehtman die frischen Spuren der Kugeln, denn von beiden Seiten wurde